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„Zerreißt eure Herzen!“

Tag für Tag werden uns neue Zahlen präsentiert. Sie verheißen noch nicht wirklich Hoffnung. Doch da treten schon wieder die Pläne für die Zukunft hervor. Haben wir schon erfasst, was geschieht? – frage ich heute mit dem Propheten Joel und Albert Camus:

„Trotz dieses ungewohnten Anblicks fiel es unseren Mitbürgern offensichtlich schwer zu verstehen, was mit ihnen geschah. Es gab die gemeinsamen Gefühle wie Trennung oder Angst, aber die persönlichen Sorgen standen auch weiterhin im Vordergrund. Noch niemand hatte die Krankheit wirklich akzeptiert. Die meisten waren vor allem empfindlich für das, was ihre Gewohnheiten störte oder ihren Interessen schadete.“  (Albert Camus, Die Pest, 1962, S. 89)

Die Sehnsucht nach Rückkehr in das „normale“ Leben erwacht schon wieder. Fein werden die ersten Fäden gesponnen für die Aufgaben nach der Krisenzeit. Doch da sind wir noch nicht, sagen die Experten. Es gilt auszuharren. Das ist das Schwere. In Camus Roman antwortete der Präfekt der Stadt auf diese Haltung der Menschen mit der täglichen Veröffentlichung der Krankenstatistiken in der Zeitung. Dazu haben wir heute andere Wege. Wir sind schon seit Wochen, ja Monaten umfassend informiert. 

Und trotzdem reagieren wir so gar nicht anders. Unsere Gewohnheiten sind gestört. Wir sehnen uns danach, die über uns verhängten Trennungen aufzuheben. Auch wir in der Kirche ertappen uns da dabei. Ach könnten wir doch wieder unsere Gottesdienste feiern wie immer. Haben wir wirklich angenommen, was da mit uns geschieht?

Wir beklagen Hunderte von Toten in Europa Tag für Tag. Es fällt schwer, das zu begreifen. Doch es sollte uns Grund genug sein, innezuhalten und nicht schon wieder auf unsere Geschäfte und unser Fortkommen zu sehen. Es geht um uns selbst, unser Herz ist berührt von all´ dem, was geschieht. Zerreißt eure Herzen und nicht eure Kleider und kehrt um zu dem Herrn, eurem Gott! (Joel 2,13). 

Es war nicht alles Gold, was glänzte in unserer „normalen“ Welt, nach der wir uns schon wieder zurücksehnen. Menschen fliehen und ertrinken – wir ziehen Zäune hoch und sehen weg. Die Metropolen sind überfüllt und das Dorf wird immer leerer. Recht zu behalten steht im Zweifelsfall über dem Sinn für das Ganze und die Gemeinschaft. Angeschafft wird nur, was billig ist. Geforscht wird nur an dem, was sich auch lohnt und womit sich Geld verdienen lässt. 

Ich gestehe, es wäre mir lieber, es gäbe da an manchen Stellen kein zurück mehr zur „Normalität“. Besinnen wir uns eines Besseren. Nutzen wir diese Zeit jetzt. Ein Eingeständnis hat noch niemandem geschadet. Es wäre der Anfang eines neuen Lebens. Gott schenkt ihn uns – auch jetzt. 

Amen.