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Predigt Christvesper

Hoffnung auf neu erfahrbare Nähe nährt das Evangelium von Weihnachten. Menschen sind füreinander da. Ob Familie oder unbekannte Fremde, spielt keine Rolle. In dieser Zeit mag uns ein Wort des Propheten Jesaja daran erinnern, dass auch wir an unseren Hoffnungen und Träumen festhalten. Lesen oder Hören sie die Predigt zur Christvesper von Pfarrer Michael Grell. 

 

 

Gnade sei mit euch und Friede, von dem da ist, der, da war und der da kommt. Amen.

Liebe Gemeinde,

zu den berührendsten Feiern in diesem Jahr gehörten die Taufen, die nach einiger Zeit im Sommer doch wieder stattfinden konnten. Mit leuchtenden Augen standen die Familien um den Taufengel. Die Eltern tauften selbst. Sie suchten den Zuspruch für ihr Kind und ihr gemeinsames Leben im Geist und Segen Gottes, der den Täufling begleitet, gerade in dieser schwierigen Zeit.

Mir schien es, als leuchteten die Augen in diesem Jahr etwas mehr als sonst. Auch die der Groß- und Urgroßeltern, die gewiss manches in ihrem Leben schon gesehen und durchlitten hatten, die aber – gerade in diesem Moment – nicht aufgehört haben, ihren eigenen Träumen in das gute Leben zu trauen.

In leuchtenden Augen spiegeln sich Träume und Wünsche, die wir am Kinderbett, an der Krippe stehend, haben. Es sind Träume und Wünsche für ein gelingendes Leben, das hier ganz neu beginnt. Wir haben Hoffnungen für unser eigenes Leben und die Welt, in der wir leben müssen.

Dass wir aus dieser Welt nicht einfach ausbrechen können, haben viele von uns in diesem Jahr auch schmerzlich erfahren müssen. In einer Zeit der Entbehrungen ist unser heutiger Predigttext aus dem Buch des Propheten Jesaja entstanden. Mit leuchtenden Augen erzählt er, welch gute Zukunft er sich von einem besonderen Menschen erhofft. Oder meint er damit nicht nur den einen?

Hört Worte des Propheten, die auch wir in dieser Zeit gut brauchen können. Jesaja träumt: 

Es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais
und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.
Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn,
der Geist der Weisheit und des Verstandes,
der Geist des Rates und der Stärke,
der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn.
Und Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des Herrn.
Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen,
noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören,
sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen
und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande,
und er wird mit dem Stabe seines Mundes
den Gewalttätigen schlagen
und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten.
Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein
und die Treue der Gurt seiner Hüften.
(Jes 11,1-5)

 

Liebe Gemeinde,

das sind große Träume. Leuchtende Augen kommen uns auch, wenn wir die menschliche Nähe sehen, die das Bild an der Krippe bietet. Da muss man sich nahe sein. Das gilt auch für unsere Tauffamilien am Engel.

Meine Hoffnung für die Zukunft ist, dass wir wieder näher zusammenrücken dürfen. Wir haben uns an einen gewissen Abstand gewöhnt. Aber es gibt Situationen, da ist das nicht auf Dauer sinnvoll. Wo die Konfigruppe die meiste Zeit verstreut im Gemeindehaus sitzt, kommt wenig Gemeinschaftsgefühl auf. Man kommt untereinander nicht so leicht ins Gespräch. Die zwanglose Begegnung, das wichtige Zwischengespräch, wo nicht jeder mithören kann, fehlt.

In Online-Meetings wird nur das Offizielle besprochen, das Inoffizielle, das „Wie geht´s“ und das Gespräch am Rande fallen unter den Tisch.

Auch der Kreis der Freunde und der Familie ist notgedrungen kleiner geworden. An manch einer Grußkarte entdecke ich jetzt erst, dass man sich schon lange nicht mehr wirklich gesehen hat. Es ist zwar nicht so, dass man nicht versucht hat auf andere Weise Kontakt zu halten, aber es fehlten der ein oder andere Ausflug, gemeinsames Reisen und Feiern.

Dieses Jahr hat uns bescheidener gemacht. Wir haben uns auf das besonnen, was uns besonders wichtig ist, was wesentlich ist für unser Leben. Gerade an dem, was uns fehlt, spüren wir das.

Deswegen werden wir die Hoffnung auf Nähe, wie an der Krippe nicht aufgeben. Diese Hoffnung auf Nähe hat ihren Grund in der Gemeinschaft mit Gott. Wir erfahren sie in der Geburt des göttlichen Kindes. Trotz der widrigen Bedingungen in einem Stall sind da Menschen, die füreinander da sind. Und es nicht nur die Kernfamilie, nein eilends kommen gänzlich Unbekannte daher, die schnell den Glanz der bescheidenen Hütte mehren.

Die Rettung kommt nicht von einem einzelnen, besonderen Menschen her. Sie ist von Gott initiiert. Es ist sein Geist, der in diesem Stall dabei ist. Das spüren die Hirten. Ihn ihren Augen ist die Ehrfurcht vor dem göttlichen Kind zu lesen. Im Anblick des Kindes geht mir auf: Ich habe mein Leben selbst nicht in der Hand. Mir sind Grenzen auferlegt. Meine Kraft ist endlich. Aber auch: Mein Leben ist mir geschenkt, wie es diesem Kind geschenkt ist. Was es auch sein mag, es bleibt unendlich wertvoll. Ich kann so vieles an meinen Nächsten tun.

Diese Ehrfurcht vor Gott spürten wir selbst in diesen so turbulenten Tagen vor Weihnachten. Tagtäglich müssen Menschen sterben, obwohl wir uns in diesem Jahr in großer Rücksicht geübt haben. Es bleibt eine Katastrophe, dass unsere Macht nicht größer ist, das zu verhindern. Die Ehrfurcht vor Gott ist darum auch eine Ehrfurcht vor jedem Menschenleben, dem Neugeborenen, wie dem Sterbenden. All das steht mir vor Augen, wenn ich auf das göttliche Kind in der Krippe sehe.

In Jesajas Traum wird die Hilfe von einem einzelnen Menschen erwartet. Ein gerechter, umsorgender Herrscher soll es richten. Wenn man jedoch genauer hinsieht, erkennt man: Es geht um einen Menschen, der ganz und gar von Gottes Geist beseelt ist und in ihm handelt. Es ist nicht der Mensch selbst, der hier redet, entscheidet und tut. Es ist Gott in ihm im Geist.

Bei Jesus sollte es so werden. Was in der Krippe noch nicht voll sichtbar wird, zeigt sich in seinem Leben. Er wird der Prediger werden, dessen Wort Menschen berührt und in seine Nachfolge ruft. Er ist der Heiland für die Menschen, der sie ansieht, berührt und von ihren Krankheiten befreit. Sein Tod und seine Auferstehung werden der Beginn jener neuen Welt sein, in die auch wir uns kraft unserer Taufe hineingestellt sehen.

Es ist Gottes Geist in ihm, wahrlich in Jesus, dem Christus. Aber ist in dem Traum des Propheten Jesaja nur der Christus gemeint?

Nein, auch wir stehen im Geist des Herrn. Auch wir sind – so wie wir vor der Krippe stehen – mit leuchtenden Augen beseelt von unseren Träumen nach einem gelingenden Leben für uns, unsere Freunde, unsere Familien. Wie die Eltern und die Freunde bei der Taufe des Kindes, so spüren wir den Geist Gottes unter uns. Seine Nähe begleitet uns in diesen Festtagen, auch wo wir einander dieses Mal nicht nahe sein können, wie in der heimeligen Enge unserer St. Leonhardkirche.

Wir leben aus der Zuversicht, dass dieses Leben uns geschenkt ist. In Ehrfurcht vor Gott und dem Nächsten sind wir in diesem Jahr auf unseren Wegen gegangen. Wir haben uns nicht einschüchtern lassen, aber die Gefahr ernst genommen. Wir haben aus Gottes Geist heraus kreativ nach Möglichkeiten gesucht, in vielfältigen Formen Gottesdienst zu feiern. Der Gottesdienst bleibt das Zentrum unseres Lebens mit Gott, weil er uns gerade in diesen Zeiten stärken kann und wir Trost erfahren: In einem guten Wort, in den Klängen der Musik, in einem vertrauten Bild.

Der Geist Gottes wirkt unter uns in der ganzen Gemeinde. Wir haben es auch bei der turbulenten Vorbereitung für diese besonderen Gottesdienste am Heiligen Abend gespürt. Tröstlich war für mich, dass die Mitarbeitenden die Hoffnung nie aufgegeben haben, mit der Feier der Gottesdienste – ob zu Hause, in der Kirche oder der Halle – die Herzen der Menschen zu berühren.

Bewahren wir uns diese Lebenskultur der Gottesfurcht und der Zuversicht. Wir werden sie brauchen. Seien wir gewiss: Sein Geist ist mit uns. Auch unsre Träume für die Zukunft werden wichtig sein. Unsere Sehnsucht nach Nähe wird erhört werden. Jesaja sagt: Diese Welt ist nicht verloren. Wenn auch der Baumstamm wie abgehackt daliegen mag. Es wird ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.

Amen.

 

Und der Geist Gottes, des Christus für die Welt, begleite Euch bei allem Eurem Tun und Lassen. Amen.