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Gottesdienst am Karfreitag

„Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen.“ – Gottesdienst am Karfreitag zum Mithören mit musikalischen Beiträgen von Orgel und Posaunenchor.

 

Hörgottesdienst: 25 Minuten
Orgel: Dekanatskantorin Sophia Lederer
Posaunenchor Köditz
Pfarrer Michael Grell

 

 

Zum Eingang

Im Namen des Vaters, der Sohnes und des Heiligen Geistes.

Wir feiern Gottesdienst am Karfreitag und gedenken des Leidens und Sterbens Jesu. Wir feiern unterm Kreuz, sehen zu ihm auf. Blickt er auch uns an?
Lasst uns darüber nachdenken, was uns an diesem Tag beschwert:

Vor Gott denken wir nach über unsere Welt
und über uns selbst.

Vieles verwirrt uns dieser Tage.
Sorge und Angst beherrschen unsere Gespräche.

Oft wissen wir aber auch Vieles besser.
Wir meinen, wir hätten den Plan
und sähen die Fehler der Anderen klar.

Wir weichen der Verantwortung aus,
die uns aufgetragen ist,
wir sind unfähig zum Helfen
und zum Verzichten.

Lasst uns darüber nachdenken
und in der Stille vor Gott aussprechen,
was uns beschämt und was uns lähmt.

Stille

Herr, unser Gott,
erbarme dich unser um Jesu Christi willen.
Darum bitten wir dich:
Kyrie eleison, Christe eleison, Kyrie eleison. 
Amen.

 

Evangelium

Pilatus überantwortete ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde.
Sie nahmen ihn aber, und er trug selber das Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.

Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreibe nicht: Der Juden König, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der Juden König. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.

 Soldaten aber, da sie Jesus gekreuzigt hatten, nahmen seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch den Rock. Der aber war ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. 24Da sprachen sie untereinander: Lasst uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wem er gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Ps 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten. 

Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria Magdalena. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied.

(Joh 19,16-30)

 

Predigt

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

eine Horde Kinder zog johlend hinter einem alten kleinen Mann her und bewarf ihn mit Sand. Der alte Mann weinte und hielt seinen Kopf mit den Händen geschützt – gespielt, nicht wirklich. Das war für den Betrachter zu erkennen. Und doch war da ein seltsames Gefühl. Ist es nur ein Spiel? Die Kinderlust am Quälen, einfach so? Ein Gefühl von Macht, die über einen anderen ausgeübt wird. Einfach so. So sind wir – nicht immer, aber immer mal auch.

Hört den Predigttext für den Karfreitag. Er steht im Buch des Propheten Jesaja im 52. und 53. Kapitel:

Siehe, meinem Knecht wird´s gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein. Wie sich viele über ihn entsetzen – so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch und seine Gestalt nicht wie die der Menschenkinder -, so wird er viele Völker in Staunen versetzen, dass auch Könige ihren Mund vor ihm zuhalten. Denn was ihnen nie erzählt wurde, das werden sie nun sehen, und was sie nie gehört haben, nun erfahren.

Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und an wem ist der Arm des Herrn offenbart? Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte.

Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.

Führwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der Herr warf unser aller Sünde auf ihn. Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wen aber kümmert sein Geschick? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat seines Volkes geplagt war. Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist.

Aber der Herr wollte ihn also zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und lange leben, und des Herrn Plan wird durch ihn gelingen. Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben.

Durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden. Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben und er soll die Starken zum Raube haben dafür, dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.

 

Liebe Gemeinde,

auf diesen Einen prasselt Vieles ein. Der hat schwer zu tragen. Verantwortlich gemacht wird er für Fehler, die alltäglich gemacht werden. Obwohl er selbst sich untadelig verhalten hat, muss er viel aushalten.

Viel aushalten müssen wir derzeit alle. Da liegt es nahe, die Schuldigen an anderen Stellen zu suchen. Politiker, denen im allgemeinen Diskurs zwischen Lockdown und Öffnungsstrategien auch keine klare Linie mehr gelingt, ohne gleich wieder eins von der jeweils anderen Seite auf die Mütze zu bekommen. Bürger, die sich in Kommentarspalten sozialer Medien über jede Kleinigkeit aufregen und schnell Schuldige gefunden haben. Wir alle, denen die Impferei nicht schnell genug geht oder zu chaotisch organisiert ist.

Ja, es scheint so, als ob wir alle in die Irre gingen, wie Schafe. Eine Besinnung täte gut. Aber worauf? Als erstes fällt der Blick heute aufs Kreuz. Dann auf diesen leidenden Gottesknecht aus dem Jesajabuch. Bietet so einer Orientierung? Und was ist mit den Schuldigen. Jemand muss doch schließlich verantwortlich sein.

Es gibt Probleme, die kann man nicht so einfach aus der Welt schaffen. Vor allem nicht so: Mit dem Finger auf einen anderen zeigen, ihn verantwortlich zeichnen und dann bin ich fertig damit, hab ich jemand fertig gemacht. Aber das löst bekanntlich kein Problem.

Und doch haben sie es ja nicht anders gemacht mit ihm. Erst haben sie ihm zugejubelt, dann mit dem Finger auf ihn gezeigt. Die Pharisäer hatten leichtes Spiel. Sie nahmen ihn gefangen, man verhörte ihn, man stellte ihn bloß, erniedrigte ihn und sah dabei zu, als er litt.

Musste das Leben Jesu so enden? Etwa, weil es bereits im alten Testament bei Jesaja fast in gleichen Worten geschrieben steht? Muss es immer wieder so gehen, so zugehen unter uns Menschen, ohne dass wir dazulernen? Steckt es in uns drin, gleichsam wie in den Kindern, die auf den alten Mann losgehen?

Wie sitzen wir unterm Kreuz? So, dass wir an seinem Leiden Gefallen fänden? In barocker Manier ist es ausgeschmückt. Schön gestaltet ist das Kruzifix. Aber nein: Da ertappe ich mich: Kann Leiden wirklich schön dargestellt werden? Kann es überhaupt realistisch wiedergegeben werden?

Der Konflikt, den ich im Betrachten spüre, ist ja wirklich da. Es hat etwas mit mir zu tun. Es hat etwas mit meinem Blick auf andere Menschen zu tun. Von oben herab oder von unten. Unterm Kreuz ist vielleicht wirklich der treffendere Ort. Für mich hängt er hier am Kreuz. Das ist eine für Viele unglaubliche Aussage, mit der sie ihre Schwierigkeit haben. Der Christus am Kreuz ist überhaupt ein Bild, das anstößig bleibt – nicht nur in unseren Klassenzimmern, und öffentlichen Gebäuden, manchmal sogar in unseren kirchlichen Räumen.

Aber weil ich Anstoß nehme, erkenne ich, dass ich selbst gemeint bin. Im besten Sinne, finde ich einen Weg, mir selbst auf die Spur zu kommen. Ja, ich bin auch schwach, auch wenn ich gerne den Sicheren und Organisierten gebe. Ja, ich mache auch Fehler. Und: Es sind auch Fehler dabei, die nicht schnell oder überhaupt nicht wieder gut zu machen sind.

Dafür, heißt es, sei er gestorben. Für mich.

Nun, was du, Herr, erduldet,
ist alles meine Last;
ich hab es selbst verschuldet;
was du getragen hast.
Schau her, hier steh ich Armer,
der Zorn verdienet hat.
Gib mir, o mein Erbarmer,
den Anblick deiner Gnad.

Für mich ist Christus gestorben und hat hinweggenommen die Sünde und Schuld. Stellvertretend, weil eben nicht alles Leid, dass in der Welt ist. einfach wieder gut gemacht werden kann. Wir werden mit dem menschlichen Versagen, das sich vor allem in den vielen Todesfällen der Pandemie zeigt, leben müssen. Wir müssen mit eigenen Fehlentscheidungen im Leben umgehen und manches steht uns immer wieder vor Augen. Wir müssen mit der Schuld leben, die uns unverhofft ins Bewusstsein rückte, ohne dass wir die Konsequenzen unseres Tuns erahnt hätten.

Diese eigene Unzulänglichkeit sich einzugestehen, dafür ist der Ort unterm Kreuz da. Ich bin hier nicht verloren. Die Augen des leidenden Gottesknechts, des leidenden Christus blicken mich an. Es ist der Anblick der Gnade Gottes.

Ich brauche keine Angst zu haben, nicht mehr geliebt zu werden, wenn ich mich so zeige, wie ich bin. Es ist da eine Liebe, die es erträgt, dass ich unvollkommen bin, falsche Entscheidungen treffe, Menschen verletze. Es ist der Anblick der Liebe, die all das erträgt und mich darin trägt. In dieser Liebe darf ich spüren: Es leidet einer mit mir und sagt Ja zu mir.

Das ist das wunderwolle Geschenk, dass wir unterm Kreuz erfahren dürfen. Er ist da und leidet mit. Für mich ist er so da.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus Amen.

 

Gebet und Segen

Lasst uns beten:

Gott, wir bitten dich,
lass uns aufmerksam sein,
wo Unrecht und Gewalt die Oberhand bekommen,
lass uns aufmerksam sein,
wo wir selbst in der Gefahr stehen, zu Tätern zu werden,
schenke uns zur rechten Zeit den Mut,
auch unseren Mund zu öffnen und für Recht und Gerechtigkeit einzustehen.

Gott, wir bitten dich,
für die Opfer von Krieg und Gewalt,
für die Menschen, die an Covid-19 erkrankt sind und leiden,
und deren Leben nicht mehr so ist wie vorher.

Gott, wir bitten dich
für die Familien der Verstorbenen,
lass sie Trost erfahren aus deinem Wort.
Stärke in allen die Zuversicht, dass der Tod
nicht das letzte Wort hat
und dass du unser Leben vollenden wirst.

Gott, wir bitten dich
für alle, die einsam sind und sich nach Begegnung sehnen,
für alle, die keine Ruhe finden in der Nacht,
für alle, deren geschäftliche Existenz auf dem Spiel steht.

Allmächtiger Gott,
unter dem Kreuz deines Sohnes,
der unsere Schuld trug, damit wir frei sind,
danken wir dir, barmherziger Gott:
für die Hingabe seines Lebens, die er für uns gebracht getan hat,
damit die Welt durch seine Liebe heil würde.
Lob sei ihm, Christus, unserm Herrn.

Amen.

Vaterunser

Segen