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Gottesdienst zum Volkstrauertag

Am Volkstrauertag erinnern wir das Leid, das Menschen anderen Menschen zugefügt haben. Die Spuren des letzten Krieges lassen sich bis in die Gegenwart nachzeichnen. Wer befreit von Schuld? Wer kann vergeben? Wer ist bereit, Vergebung anzunehmen? – Gott erscheint uns als gerechter Richter in den Texten des vorletzten Sonntags des Kirchenjahres. Sein Gericht ist heilsam, seine Liebe tröstet und befreit. Wir feiern Gottesdienst in der Gegenwart des zurechtbringenden Gottes.

Predigt

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,
Ganz oft geht es im Leben ums Geld. So viele Konflikte zwischen Menschen gibt es wegen des Geldes. „Geld regiert die Welt“ – so sagt man. Mammon – so wird das Geld in der Bibel genannt. Die biblische Geschichte, unser Predigttext, um die es heute gehen soll, dreht sich um diesen Mammon und um einen Ökonomen. 

Und die Geschichte hat es in sich. Da begegnet uns Enttäuschung, Entlassung, Schulden, gefälschte Papiere, Betrug – eigentlich ein richtiger spannender Krimi. Und am Ende steht der Verbrecher nicht am Pranger, sondern er wird gelobt. Doch bevor ich Ihnen den Predigttext vorlesen werde, möchte ich Ihnen noch kurz sagen, in welchem Zusammenhang unser heutiger „Krimi“ mit einem anderen Gleichnis in der Bibel steht. 

Vor dem heutigen Predigttext steht nämlich direkt das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Wie oft haben wir dieses Gleichnis schon gehört. Immer wieder gerne in Kinderstunden, in KiTas, im Kigo und auch bei Familiengottesdiensten erzählt und darüber nachgedacht. Auch viele Predigten über diesen Text haben wir gehört. Da ist ein Sohn, der verlässt den Vater wegen seines Erbes, also wieder einmal das liebe Geld. Und nachdem er alles Geld verschleudert hat, endet er in der Gosse – kehrt aber zum Vater zurück. Und dieser erwartet ihn mit ausgebreiteten Armen. Der liebende Rettungsschirm. Zurück, zuhause, geliebt, an einem sicheren Ort. Dieses Gleichnis ist also die Vorgeschichte zu unserem heutigen Predigttext.

Hören wir uns zusammen doch mal diese Krimigeschichte an. Sie steht geschrieben im Lukasevangelium im Kapitel 16, die Verse 1-9.
Er sprach aber auch zu seinen Jüngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Haushalter; der ward vor ihm beschuldigt, er vergeude ihm seine Güter. Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre ich da von dir? Tu Rechnung von deinen Haushalten! Denn du kannst hinfort nicht Haushalter sein. Der Haushalter sprach bei sich selbst: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt, das Amt von mir; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln. Ich weiß wohl, was ich tun will, dass sie mich in ihre Häuser nehmen, wenn ich nun von dem Amt gesetzt werde. Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich, und sprach zu dem ersten: Wieviel bist du meinem Herrn schuldig? Er sprach: Hundert Tonnen Öl. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldbrief, setzt dich und schreib flugs fünfzig. Danach sprach er zu dem andern: Du aber, wieviel bist du schuldig? Er sprach: Hundert Scheffel Weizen. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Brief und schreib achtzig. Und der Herr lobte den ungerechten Haushalter, dass er klüglich gehandelt hatte; denn die Kinder dieser Welt sind untereinander klüger als die Kinder des Lichts. Und ich sage euch auch: Machet euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, auf dass, wenn es damit zu Ende ist, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten.

Im Blickpunkt dieser Geschichte stehen vier Personen bzw. Personengruppen: Der reiche Mann, die Schuldner, der Verwalter und Jesus. Versetzten wir uns doch gedanklich mal in diese 4 Personen hinein und lassen wir sie zu Wort kommen, wie sie ganz persönlich die Sache erlebt haben könnten. Hören wir doch zuerst mal dem reichen Mann zu:

Ja, ich bin reich. Fragen Sie nicht, wie ich zu, meinem Reichtum gekommen bin. Ich wohne weiter weg und mein Reichtum ist so groß, dass ich mich nicht selber um alles kümmern kann. Ich habe einen „Ökonomen“, einen Verwalter eingestellt, der für die Bewirtschaftung zuständig ist. Er verpachtet meine Äcker und Weinberge und treibt die Pacht ein. Das geschieht in Form von Geld, aber auch in Form von Naturalien. Öl, Weizen und solche Dinge. Er leitet den Erlös an mich weiter.

Nun aber habe ich Gerüchte gehört, dass er mein Geld schlecht verwaltet. Und deswegen habe ich ihn zur Rede gestellt und ihm seine Entlassung zum nächstmöglichen Zeitpunkt mitgeteilt. „Hire and fire“ , du kannst gehen, kein Bedarf mehr – so ist das Leben. Schließlich muss ich schauen, wo ich bleibe. Aber was mein Verwalter dann gemacht hat, das schlägt dem Fass den Boden aus. In krimineller, betrügerischer Manier hat er mir einen riesigen Vermögensschaden zugefügt. Ich sage nur Strafgesetzbuch und dessen Folgen. Und dann sagt dieser Jesus auch noch zu ihm: Gut so! Das ist der eigentliche Skandal. Das ist doch Anstiftung zu Betrug und Untreue!

Soweit der reiche Mann. Jetzt wollen wir doch mal den Schuldnern zuhören und ihre Meinung dazu hören: Sie müssen wissen – bei uns im alten Israel, da gab es nach dem Gesetz des Alten Testaments das Verbot, Zinsen zu verlangen oder zu zahlen. Wenn einer von uns Bauern eine schlechte Ernte hatte, konnten wir uns Geld leihen, um die Pacht zu bezahlen. So aber häuften sich Schulden an. Es gab Verwalter, die das ahnten. Darum rechneten sie von vorneherein eine Summe in die Pacht ein. Die Pacht wurde ungerecht hoch, und viele von uns Bauern hatten Mühe, sie zu bezahlen. Viele mussten noch mehr Schulden machen, und der Schuldenberg wuchs. Wir waren also ausgeliefert – man kann sagen leibeigen, wenn Verpflichtungen nicht bedient werden konnten. Schauen wir zum Beispiel die Olivenbäume an. 100 Fässer Ölivenöl – das ist der Ertrag von 140 Ölbäumen, oder 100 Sack Weizen – mit unseren damaligen Geräten muss man schon schwer schaffen, um das hereinwirtschaften zu können.

Sie sehen – das sind so große Summen, die uns die Existenz bedrohen. Und deshalb war dieses Erlassen von Schulden durch den Verwalter für uns ein Akt der Gnade. Ein kleiner Hoffnungsschimmer auf dem Weg heraus aus der Schuldenfalle. Klar hat der Verwalter das auch getan, um seine eigene Haut zu retten und gut bei uns dazustehen. Aber vielleicht hat er auch gemerkt, dass das ganze System ungerecht war und hat in seiner Notsituation auch noch etwas Gutes getan.

Und dass Jesus das lobt, das liegt bestimmt daran, weil er damit sagen will: Solche Belastungen sind ungerecht. Ich würde den Verwalter nicht als ungerecht bezeichnen, man könnte ihn einen klugen Verwalter des Unrechts nennen. Weil er endlich etwas getan hat gegen die Ungerechtigkeit.

Jetzt die Worte des Verwalters. Lasst uns ihm zuhören: Jahrelang war ich Teil dieses Systems. Wir haben die Kleinbauern ausgebeutet, haben dafür gesorgt, dass sie ihre Pacht nicht bezahlten können, und dann angewiesen waren auf Schulden. Ich war zwar nur ein kleines Rad im großen System, aber ich habe mitgemacht. Und es ging mir dabei gut. Irgendwie war es so, dass mein Unrechtsbewusstsein immer geringer wurde und je länger ich das Spiel mitgespielt hatte, desto mehr fand ich Wege auch für mich persönlich das Beste herauszuholen. Und dann fliegt alles auf. Mein Chef feuert mich. Ich hatte gar keine Chance mich groß zu erklären. 

Gib Rechenschaft über deine Verwaltung. So hat er gesagt. Als ich so zur Rechenschaft gezogen wurde, bin ich selber über mich erschrocken. Und dann kam Panik. Pure Existenzangst. Wie soll es weitergehen? Wovon soll ich leben oder meine Familie ernähren? Vielleicht waren das meine zwei Hauptmotivationen: Einmal das schlechte Gewissen, wie wir die Bauern ausgebeutet haben. Und das andere war die Angst um meine Zukunft. Der Schaden, den mein ehemaliger Chef durch meine Aktion hatte, war gering. Glauben sie mir, der hat mehr als genug. Aber den kleinen Bauern hat es gut getan. Und es hat sich richtig gut angefühlt, als ich das Strahlen in den Augen der Bauern gesehen habe. Ich weiß, dass es nicht richtig war, was ich getan habe. Ich würde das auch nicht als gute Idee zum Nachahmen sehen. Aber in meiner Situation wusste ich sonst keinen Ausweg.

Letztendlich hören wir noch, was Jesus dazu zu sagen hat: Ja, ich habe den Verwalter gelobt. Nicht wegen seines Betrugs, aber wegen seiner Klugheit. Er hat den Ernst der Lage begriffen, er hat erkannt, dass er Rechenschaft ablegen muss. Das soll dieses Gleichnis auslösen. Alle Menschen sollen erkennen, dass sie Rechenschaft ablegen müssen. Wir sind alle Verwalter dessen, was uns anvertraut wurde. Unser Leben, unsere Gaben und Talente. Gib Rechenschaft, was hast du daraus gemacht?

Ist es nicht gut zu wissen, dass Unrecht und Ungerechtigkeit nicht ohne Konsequenz bleibt, sondern dass auch die Schurken und Diktatoren der Menschheitsgeschichte Rechenschaft ablegen müssen. Das zu erkennen ist klug! Der Verwalter ist außerdem klug, weil er an die Zukunft denkt. Er weiß, dass er jemanden braucht, der ihm die Tür öffnet. Kommen wir zurück zu der Geschichte vom verlorenen Sohn. Da steht die Tür ja auch offen für den heimkehrenden Sohn, die Arme des Vaters sind offen, der Rettungsschirm von Gottes Liebe ist da.

Ja, liebe Gemeinde, so oder ähnlich könnten die Beteiligten des Gleichnisses ihre Geschichte erzählen.

Heute, an diesem Sonntag wird auch der Volkstrauertag in unserem Land begangen. Eine Erinnerung an großes Leid, Schuld und die Schattenseiten der Menschheitsgeschichte. Wir gedenken der Toten der beiden Weltkriege, aber auch der vielen toten Soldaten bei verschieden Auslandseinsätzen der vergangenen Zeit. Gib Rechenschaft, so wird der Verwalter aufgefordert. Im Wochenspruch sagt der Apostel Paulus: Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi. Das gilt für das Ende des Lebens, aber vielleicht auch schon für uns heute, jetzt. Wenn wir uns unsere Gesellschaft so anschauen, dann sind die Themen Leistung und Konsum ganz groß. Von allen Seiten gibt es Ansprüche an uns – zum Beispiel immer erreichbar zu sein, ständig alle News im Kopf zu haben, all informiert über alle wichtigen Themen und Daten. Manchmal haben wir aber die Ansprüche aber auch an uns selbst. Irgendwie wollen wir immer besser, schneller und effizienter werden. Wollen andere damit übertrumpfen. Aber unsere Begrenztheit und Endlichkeit haben wir dann aus den Augen verloren.

Gib Rechenschaft! So werden wir aufgefordert unsere Ansprüche zu überprüfen. Streich hundert, schreib achtzig. Lerne auch deine eigenen Grenzen anzunehmen. Denk an das Gleichnis vom verlorenen Sohn – er ist geliebt und angenommen, auch nachdem er so richtig versagt hat. Und unser Konsum – wir kaufen und kaufen, möglichst billig, vieles jetzt wieder in Coronazeiten auf Vorrat. Warum reparieren wir mal nicht selbst was, wenn doch ein Neukauf viel einfacher ist? Wegwerfen und dann gehen wir einfach wieder shoppen.

Gib Rechenschaft über deine Verwaltung. Wer muss eigentlich dafür bezahlen, wenn wir nicht bereit sind für gute Arbeit auch faires Geld zu bezahlen? Vielleicht eine 12 jährige Näherin aus Bangladesch? So kann das Gleichnis von Jesus auch ein Appell sein für einen verantwortungsbewussten Umgang mit Ressourcen – mit den eigenen und mit fremden.

Gib Rechenschaft! Der Verwalter hat Misswirtschaft betrieben, aber durch den Aufruf Rechenschaft abzulegen, ist er zum Wohltäter für kleine Leute geworden. Vielleicht hat er sich an die alte biblische Tradition des Erlassjahres erinnert. Das Erlassjahr ist ein Schuldenerlass, den die Tora für die Israeliten für jedes 50. Jahr gebietet. Vielleicht hat er ja deswegen den Bauern die Schulden zum Teil erlassen. Denn auch Jesus spricht schon in seiner ersten Predigt vom Schuldenerlass.

Der Geist des Herrn ist auf mir, 
weil er mich gesalbt hat, 
zu verkündigen die Frohe Botschaft den Armen,
zu predigen den Schuldsklaven,
dass sie frei sein sollen,
ausrufen das Erlassjahr des Herrn.
(Lukas 4,18-19)

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle menschliche Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

 

Sendung und Segen

 „Doch auch wenn unser Gewissen uns schuldig spricht,
dürfen wir darauf vertrauen,
dass Gott barmherziger mit uns ist als wir selbst.
Er kennt uns ganz genau.“
(1. Joh. 3, 20)

So geht nun in diesen Sonntag und in die neue Woche unter dem Segen des Herrn.

Der HERR segne euch und behüte euch.
Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig.
Der HERR erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch
Frieden.
Amen.