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Gottesdienst am 7. März

Meine Augen sehen stets auf den Herrn. Am dritten Sonntag in der Passionszeit hören Sie die Predigt von Pfarrer Michael Grell.

 

Predigt

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Epheser 5,1-9

Liebe Gemeinde,

mir scheint es so, als würden unsere Stille-Andachten zur Passionszeit den Nerv der Zeit treffen. Trotz unsicherer Gesamtlage kommen auf einmal wieder Menschen, die sich einige Monate nicht in die Kirche trauten, darunter alle Generationen.

Die ruhige Atmosphäre in der abendlich abgedunkelten Kirche, die nur mit Kerzenschein erhellt ist, lädt ein. Wir suchen Trost und Antwort auf unsere offenen Fragen und bringen sie vor Gott. Von ihm erhoffen wir Orientierung für unseren Alltag, in dem wir hin und hergetrieben sind. Im warmen Kerzenlicht erscheint das Dunkel gleich nicht mehr so bedrückend.

Auf dem Weg zur Andacht kommt mir ein Jugendlicher entgegen. Ein schmaler Gruß wird getauscht. Der Blick ist nach unten gewandt. In der einen Hand sehe ich zwei Fläschchen. Sein Ziel an diesem immer noch recht kalten Vorfrühlingsabend ist eindeutig ein anderes. Irgendwo in der Dunkelheit, wo keiner so genau hinsieht.

Hört dazu die Worte des Predigttextes für den heutigen dritten Sonntag in der Passionszeit aus dem fünften Kapitel des Epheserbriefes:

So ahmt nun Gott nach als geliebte Kinder und wandelt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch.

Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört, auch nicht von schändlichem Tun und von närrischem oder losem Reden, was sich nicht ziemt, sondern vielmehr von Danksagung. Denn das sollt ihr wissen, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger – das ist ein Götzendiener – ein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes. Lasst euch von niemandem verführen mit leeren Worten; denn um dieser willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams. Darum seid nicht ihre Mitgenossen.

Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Wandelt als Kinder des Lichtes; die Frucht des Lichtes ist lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit.

 

Liebe Gemeinde,

der Predigttext klingt wie ein Kommentar zum unterschiedlichen Abendprogramm, das ich eingangs skizzierte. Die einen suchen vorbildlich das Licht, das Wort, Gott. Die anderen verschwinden in der Dunkelheit mit ihrem Laster. Sie wollen dabei möglichst ungesehen bleiben.

Wie sieht ein Leben im Licht Gottes aus? Die Antwort scheint hier schnell gegeben. Aber wir ahnen, dass wir es uns zu leicht gemacht haben mit diesem schnellen Urteil.

Angesichts der labilen Situation dieser Wochen vor Ostern suchen wir doch alle danach, was für uns das richtige Verhalten ist. Wir sind immer noch voller Sorge, wie es Woche für Woche weitergehen wird, ohne große Aussichten auf Besserung in unserer Region.

Ein weiter so mit all den Beschränkungen für Begegnungen, Schulunterricht, Einkaufen, Arbeiten? Wie lange noch? Verhilft das Testen zu einer Besserung? Jetzt öffnen, um dann bald wieder schließen zu müssen? Oder doch lieber alles geschlossen lassen und dabei Existenzen weiter aufs Spiel setzen?

Es hängt von unserem Verhalten ab. So wird es uns seit einem Jahr immerfort gesagt. Nun schlägt auch der Epheserbrief in diese Kerbe. Sei ein Kind des Lichts! Halte Dich an die Regeln! Üb Nächstenliebe, indem Du auf Kontakte verzichtest! – Aber das haben wir doch schon ein Jahr lang nach bestem Wissen und Gewissen geübt. Dass unser Verhalten Konsequenzen hat, muss uns wirklich nicht noch auch der Epheserbrief bestätigen. Wir hören es jeden Tag. …

Sei ein Kind des Lichtes. – Wir sehnen uns freilich danach, dass dieses Licht uns berühren möge und zu unserem wird. Aber wie können wir gar zu Kindern des Lichts werden?

Das Licht in der abendlich abgedunkelten Kirche fällt auf Jesus am Kreuz. So ist Gott als Mensch. So ist er für uns da. So? Ja, so mit der Sehnsucht nach Halt, die auch uns umtreibt. Ja, so mit den offenen Wunden, die ein Virus an Leib und Seele hinterlassen kann. Ja, so mit seiner verzweifelten Frage: „Warum, Gott, hast du mich verlassen?“

Da sehe ich mich mit meinen Fragen, auf die es keine Antwort gibt. Da sehe ich mich bei der Suche nach dem, was mir Orientierung und Halt geben kann in dieser Zeit. Da sehe ich mich und erkenne, dass ich klein bin und Gott so ferne. Sieht er mich?

Ich suche seine Begegnung in der Stille, im Gebet, im Gottesdienst, unterm Kreuz. Ich sehne mich nach seinem befreienden Wort, das mir Orientierung gibt. Nach seinem Licht. Wo ist es?

Manchmal müssen wir es aushalten, dass es ausbleibt. Die Passionszeit erinnert uns nicht umsonst an das Leid. Das Virus hat Leid über viele Menschen und Familien gebracht. Es hat auch Leid über unsere Gesellschaft und unser Miteinander gebracht. Es ist Zeit in diesen Wochen dieses Leid Gott zu klagen. Das Klagelied gehört zu den fast vergessenen Formen des Betens.

Im klagenden Gebet kommt das Leid zur Sprache. Wir wissen, dass wir es nicht allein mit unserer Kraft aufheben können. Es bleibt die Spannung da, in der wir stehen, wenn die Antworten ausbleiben. Aber wir rechnen auch damit, dass wir von Gott eine Antwort bekommen – würden wir sonst unsere Klage an ihn richten?

Vieles, was wir zu beklagen hätten, wäre schon mit einem guten Gespräch am Abend unter Freunden weggeräumt. Da wäre der Seele schon geholfen, wenn wir nur die Gelegenheit dazu hätten. Oder unter Mitschülern, die sich seit Dezember kaum richtig miteinander austauschen konnten. Da wäre schon ein wenig die Luft raus und man müsste nicht das Dunkel des Abends suchen, um die Möglichkeit einer Begegnung zu schaffen.

Denn ist es nicht ein und dieselbe Sehnsucht, die sich in den eingangs skizzierten Begebenheiten zeigt? – gesehen zu werden von Gott und unseren Nächsten? Darin steckt das Heil. Wie könnte das gehen, ohne in vorschnelles moralisches Urteilen zu fallen?

Mein Blick fällt auf ein ungewöhnliches Wort des Apostelbriefes, das nur hier vorkommt: Ahmt Gott nach. Nicht: folgt ihm nach, sondern ahmt Gott nach. – Als Kinder lernten wir durch Nachahmen dessen, was die Eltern uns vormachten. Wir lernten in Rollen zu schlüpfen und im Spiel Familie oder Schule zu spielen. So setzten wir uns mit unserer Welt auseinander. Wenn Schüler ihren Lehrer nachahmen, dann sitzt da meist der Schalk im Nacken. Und doch zeigen sie damit, dass sich die Auseinandersetzung mit ihm lohnt. Wenn wir jemanden sympathisch finden, dann spiegeln wir sein Verhalten und ahmen ihn nach. Selbst in gesellschaftlichen Zusammenhängen übernehmen wir mal mehr bewusst, mal mehr unbewusst kulturelle Stile oder ordnen uns einem Milieu zu.

Wer nachahmt braucht ein Gegenüber. Es geschieht in einer engen Beziehung, die mal von mehr oder weniger gegenseitiger Liebe getragen ist: Bei Eltern und Kindern, bei Schülern und Lehrern, unter Freunden, in der Beziehung wird das Urteil über richtiges oder falsches Handeln im besten Falle in gegenseitiger Achtung und Liebe getragen.

Nun heißt es aber: Ahmt Gott nach. So seid ihr Kinder des Lichts. Bleibt in der Liebe, mit der Christus uns geliebt hat. Mein Blick fällt noch einmal auf das Kreuz. Sanft ist sein Blick, voller Güte ist dieser Christus uns nahe, gerade in seinem Leiden.

Ahmt Gott nach, mit der Liebe, mit der er uns geliebt hat. Das ist die Lebenshaltung der Kinder des Lichts: Den anderen sehen und sich sehen lassen. Den anderen ernst nehmen und sich ihm öffnen. Das braucht freilich die wirkliche Begegnung, nach der wir uns sehnen von Mensch zu Mensch, von Gott zu Mensch. Wie kann das gut gelingen?

Auf dem Nachhauseweg von der Andacht begegnete ich dem Jugendlichen ein zweites Mal. Diesmal ging er nicht still an mir vorüber. Er wollte einfach mal kurz mit mir reden. Danach ging ich nach Hause. Dankbar für diese Begegnungen mit Gott und meinem Nächsten schloss ich meine Haustüre auf.

Der Apostelbrief überrascht mit einem einfachen Ratschlag: Sagt dank!? – „Ja, das ist es!“, denke ich mir. Sicher war ich an diesem Abend kein besonders gutes Kind des Lichtes, aber immerhin eines, das von Gott und meinem Nächsten gesehen wurde.

Amen.

Segen

 

All Morgen ist ganz frisch und neu