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Gottesdienst am 27. September

Maß halten. Den rechten Weg finden in unübersichtlicher Zeit. Mit Besonnenheit, Kraft und Liebe gelingt es wohl. Am 16. Sonntag nach Trinitatis feiern wir Gottesdienst in unserer St. Leonhardkirche mit Pfarrer Michael Grell.

Österlich erinnert werden wir im Frühherbst an die trostreiche Botschaft der Auferstehung Jesu Christi in den Texten für diesen Sonntag. Im Evangelium hören wir von der Auferweckung des Lazarus. Jesus schließt mit dem Wort „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ In der Predigt hören wir ein Wort, das uns seit dem Beginn der Coronakrise begleitet hat.

Wir dokumentieren an diesem Sonntag nur die Predigt.


Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.


2. Tim 1,7-10

Liebe Gemeinde,

„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ – Das war der Spruch zu dieser Krise, die seit einem halben Jahr unser Leben bestimmt. Eine Tageslosung war es im März als alles begann. Ein Motto wurde es gegen die Resignation, zum Durchhalten und Maßhalten. Ein gutes Wort, an dem wir im Rückblick gesehen, uns immer wieder neu ausgerichtet haben als Kirche und Gemeinde Jesu Christi.

Das Wort ist dem 2. Timotheusbrief entnommen und steht dort im ersten Kapitel. Es ist der Beginn unseres heutigen Predigttextes am 16. Sonntag nach Trinitatis. Dort heißt es:

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit für das Evangelium in der Kraft Gottes.

Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt, jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.

 

Liebe Gemeinde,

vollmundig klingen diese Worte. Nach einem halben Jahr wirkt der Spitzensatz auch schon ein wenig abgegriffen. Von so viel freudigem Bekennen sind wir derzeit weit entfernt. Das, was der Apostel da in österlich klingenden Worten bekennt, scheint nicht so ganz zu unserer herbstlichen Laune zu passen.

Und doch tut es gut, sich daran erinnern zu lassen, dass dieser Satz von der Besonnenheit, Kraft und Liebe seinen tieferen Grund in der Auferstehung Jesu Christi hat. Das Bekenntnis des Lebens, das über den Tod siegt, stand einst bei den ersten Christen an allem Anfang. Das Bekenntnis des Lebens, dass dem Tod die Macht genommen hat, ist für uns heute Quelle der Kraft, die wir brauchen werden in der kommenden Zeit.

Die Besonnenheit wurde oft zitiert. Sie ist eigentlich eine griechische Tugend. Im christlichen Sprachgebrauch blieb sie eher ein Fremdwort. Maß und Mitte halten – ist ihre Bedeutung. Die Regeln, die uns gesetzt sind und die sinnvollerweise einzuhalten sind, zu befolgen und immer wieder neu entscheiden, was gerade dran ist, – das ist zu einer der großen Herausforderungen geworden. Was heute noch gilt und wovon wir heute überzeugt sind, dass es uns zum Schutz dient, kann morgen schon wieder anders beurteilt werden. Das sind wir nach einem halben Jahr nun ziemlich leid. Besonnenheit alleine könnte es wohl nicht richten. Ohne Kraft und Liebe ginge es nicht.

Im Geist der Kraft kann etwas Neues entstehen auch wider den Augenschein der Vernunft. Denkwürdig waren die letzten Gottesdienste vor dem Lockdown am 15. März. Wir konnten es uns beileibe nicht vorstellen, für einige Wochen auf Gottesdienste verzichten zu müssen. Und doch entstand bald eine Kreativität im Umgang mit der neuen Situation. Die verteilten Osterlichter erreichten die Herzen. Die Konfirmanden und ihre Familien wollten unbedingt Pfingsten feiern. Musiker und Techniker fanden sich, um die Online-Gottesdienste und dann die ersten Gottesdienste feierlich zu gestalten. Der Garten erwies sich auf den ganzen Sommer hin gesehen als ein alternativer Gottesdienstort mit Potential. Ohne den Geist der Kraft, der dynamis, der uns geschenkt wurde, hätten wir das alles wohl nicht schultern können. Dynamik war tatsächlich zu spüren und nicht selten auch Begeisterung für eine Sache, die ureigenste Sache des Christentums – die Feier der Gottesdienste.

Im Geist der Liebe bleibt der Nächste im Blick. Haben wir das vielleicht vernachlässigt? Haben wir mehr auf uns gesehen als auf das, was unser Nächster braucht? Unsere Kontakte haben sich in diesem Jahr oft eingeschränkt auf wenige Personen im privaten Umfeld, den engsten Freundeskreis und der Arbeit. Aber es ist ja nicht so, dass in diesem Kreis das Gebot zur Liebe belanglos wäre. Im Gegenteil. Vielleicht konnten wir gerade in manch intensivem Gespräch, für das wir auch mal Zeit hatten, neu entdecken, was uns in schwierigen Zeiten trägt. Vielleicht haben wir uns Zeit genommen, etwas miteinander zu tun, was schon lange geplant war, aber immer aufgeschoben wurde. Vielleicht haben wir neu gespürt, dass es da Menschen gibt, die einen mögen und denen man vertraut. Ohne den Geist der Liebe wäre diese Zeit arm – wären wir alle arm.

So ist der Spruch doch gefüllt nach all diesen Monaten. Gott wird uns weiter den Geist geben, den wir brauchen, um die nächste Zeit zu bestehen. Denn dieses Geistes und dieses Gottes brauchen wir uns nicht zu schämen. Es steckt in dem österlichen Bekenntnis der Auferstehung ein Bekenntnis zum Leben. Dabei geht es nicht nur um das eigene Leben, sondern auch um das unseren Nächsten. Gerade darum brauchen wir uns nicht zu fürchten. Wir sind nicht allein. Wir sind geliebt und lieben. Wir lassen uns nicht Angst machen, sondern schöpfen Kraft aus Gottes Geist.

Diese Ermutigung wurde ursprünglich dem Apostel Paulus in den Mund gelegt. Im Brief sagt er diese Worte seinem engen Freund und Mitarbeiter Timotheus. Doch weder Paulus noch Timotheus lebten noch als der Brief geschrieben wurde. Der anonyme Schreiber bezog sich zurück auf die enge Beziehung der beiden Freunde Jesu Christi. So wie Paulus dem Timotheus die Hände auflegt zum Segen und ihm damit zusagt: „Erwecke die Gabe Gottes in Dir!“ – so sollen auch wir uns einander ermutigen im Glauben an den einen Gott. Als Freunde Jesu Christi sollen wir wie die ersten Zeugen des Herrn leben und mutig bekennen, dass das Leben über den Tod siegt. Als Gemeinde Jesu Christi tun wir das auch in dieser Zeit inmitten unserer Welt.

Das Bekenntnis zum auferstandenen Herrn bleibt der Grund unseres Glaubens. Wir sprechen es in jedem Gottesdienst. Wir bekennen es gemeinsam mit denen, die neben uns treten und sich mit uns versammeln. Darin wird die Kirche Jesu Christi in ihrem Kern sichtbar in der Welt. Wir brauchen uns dafür nicht zu schämen. Wir sprechen es selbstverständlich. Und wenn wir draußen gefragt werden, auf unseren Glauben hin angesprochen werden, dann ist das die beste Gelegenheit, mit dem Erzählen zu beginnen. Im besten Fall regen wir den Anderen damit an, über sich selbst und seine Beziehung zu Gott, seine Religiosität nachzusinnen.

Die Freunde Jesu Christi bleiben in unseren Kirchen und auch jenseits ihrer festen Mauern sichtbar. Gestern haben unsere Kirchenvorstände von Köditz und der Kreuzkirche miteinander Ideen für die Zukunft gesponnen. Schon allein die Tatsache, dass dieser Tag jetzt in dieser Situation stattgefunden hat, ist eine Ermutigung. In schwierigen Zeiten wollen wir nicht alleine bleiben oder uns nur auf unsere eigenen Aufgaben vor Ort zurückziehen. Wir wollen nicht im Geist der Furcht leben, sondern uns gegenseitig segnen als Freunde im Glauben, mit den Gaben Gottes, die wir in uns wecken können. Denn Gott hat uns gegeben einen Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.