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Gottesdienst am 24. Januar

Grenzen werden von Menschenhand gesetzt. Gerade wird ihre Bedeutung wieder wichtiger. Die grenzüberschreitende Botschaft der Liebe Gottes ist Thema des Gottesdienstes am 3. Sonntag nach Epiphanias. Die Geschichte von Rut steht dabei im Mittelpunkt. Predigt mit Klampfe und Liedern aus aller Welt.

 

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

der Predigttext für diesen Sonntag steht im Buch Rut im ersten Kapitel:

Zu der Zeit, als die Richter richteten, entstand eine Hungersnot im Lande. Und ein Mann von Bethlehem in Juda zog aus ins Land der Moabiter, um dort als Fremdling zu wohnen, mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen. Der hieß Elimelech und seine Frau Noomi und seine beiden Söhne Machlon und Kiljon; die waren Efratiter aus Bethlehem in Juda. Und als sie ins Land der Moabiter gekommen waren, blieben sie dort. Und Elimelech, Noomis Mann, starb, und sie blieb übrig mit ihren beiden Söhnen. Die nahmen sich moabitische Frauen, die eine hieß Orpa, die andere Rut. Und als sie ungefähr zehn Jahre dort gewohnt hatten, starben auch die beiden, Machlon und Kiljon. Und die Frau blieb zurück ohne ihre beiden Söhne und ohne ihren Mann.

Da machte sich sich auf mit ihren beiden Schwiegertöchtern und zog aus dem Land der Moabiter wieder zurück; denn sie hatte erfahren im Moabiterland, dass der Herr sich seines Volkes angenommen und ihnen Brot gegeben hatte. Und sie ging aus von ihrem Ort, wo sie gewesen war, und ihre beiden Schwiegertöchter mit ihr. Und als sie unterwegs waren, um ins Land Juda zurückzukehren, sprach sie zu ihren beiden Schwiegertöchtern: Geht hin und kehrt um, eine jede ins Haus ihrer Mutter! Der Herr tue an euch Barmherzigkeit, wie ihr an den Toten und an mir getan habt. Der Herr gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine jede in ihres Mannes Hause! Und sie küsste sie. Da erhoben sie ihre Stimme und weinten und sprachen zu ihr: Wir wollen mit dir zu deinem Volk gehen. Aber Noomi sprach: Kehrt um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen? Wie kann ich noch einmal Kinder in meinem Schoß haben, die eure Männer werden könnten? Kehrt um, meine Töchter, und geht hin; denn ich bin nun zu alt, um wieder einem Mann zu gehören. Und wenn ich dächte: Ich habe noch Hoffnung!, und diese Nacht einem Mann gehörte und Söhne gebären würde, wolltet ihr warten, bis sie groß würden? Wolltet ihr euch einschließen und keinem Manne gehören? Nicht doch, meine Töchter! Mein Los ist zu bitter für euch, denn des Herrn Hand hat mich getroffen.

Da erhoben sie ihre Stimme und weinten noch mehr. Und Orpa küsste ihre Schwiegermutter, Rut aber ließ nicht von ihr. Sie sprach: Siehe, deine Schwägerin ist umgekehrt zu ihrem Volk und zu ihrem Gott; kehre auch du um, deiner Schwägerin nach. Rut antwortete: Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der Herr tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.

Als sie nun sah, dass sie festen Sinnes war, mit ihr zu gehen, ließs sie ab, ihr zuzureden. So gingen die beiden miteinander, bis sie nach Bethlehem kamen.

 

Liebe Gemeinde,

diese kleine Geschichte von Rut erzählt das Alte Testament von Anfang bis Ende aus der Sicht der Frauen. Diese kleine Geschichte von Liebe und Tod, Land und Leben, die Grenzen überschreitendenden familiären Bindungen und von gelebtem Vertrauen ist ein wichtiger Mosaikstein im langen Stammbaum des Volkes Israel. Dieses kleine Familienepos beginnt in Bethlehem und endet in Bethlehem, jenem Ort, an dem viele Jahrhunderte später das Kind in der Krippe, das Licht der Welt erscheint.

Diese Verse der Moabiterin Rut haben es auch unseren Eheleuten heute noch angetan, auch wenn sie für die Trauung total aus ihrem Erzählzusammenhang gerissen werden. In ihnen schwingt doch mit, dass das nicht so einfach ist mit der Liebe zweier Menschen, dass da immer auch Familien und Traditionen eine Rolle spielen, verschiedene Glaubenserfahrungen prägend sind, dass es Grenzen gibt, die nur schwer zu überschreiten sind. Solche Erfahrungen und noch viel mehr steckt in dieser alten Geschichte. Sie ist ein Spiegelbild moderner Erfahrungen, auch ganz aktueller:

Not macht erfinderisch. Sie lässt Menschen Land und Familie hinter sich lassen. Europa, Nordamerika – so lauten die Verheißungen des freien und besseren Lebens heute. Ganze Familien machen sich auf den Weg. Sie sind voller Hoffnung, der Not entgehen zu können. Doch irgendwann kommen die bitteren Realitäten. Grenzen trennen. Sie werden zu unüberwindbaren Hindernissen. Und selbst für die, die es geschafft haben, bleibt das Leben eine riesige Herausforderung. Bis etwas zur Heimat wird, braucht es Zeit, Generationen? Noomi war auch nach Jahrzehnten noch nicht angekommen. Selbst die Schicksalsschläge in ihrer Familie, der Ehemann, die Söhne rührten lediglich das Mitleid der Schwiegertöchter in der Familie. Fremd war sie bis zuletzt in Moab.

Nach dem zweiten Weltkrieg versprach die Heirat mit dem einheimischen Bauern Aufnahme in die hiesige Gesellschaft. Manche Blicke schmerzten noch Jahre lang. Sie blieb in den Augen mancher das Flüchtlingsmädchen. Tabu blieben darum die Umstände der Vertreibung: das Leid, das man erlebt, die Trauer um die eigene Familie, die auf der Flucht verstorben. Not litten alle. Und doch ist nicht alle Not gleich groß. – Rut hatte Glück. Die Liebe, die Heirat, und auch das Land ließen die Moabiterin ankommen. Doch im Stammbaum bleibt sie die Fremde aus Moab. Ihre Fremdheit bleibt sichtbar.

Verständnis füreinander wünschen wir uns. Für das, was uns verschieden sein lässt, und das, was uns bereichert. Männer, Frauen, Starke und Schwache. Davon singt ein Lied aus Südafrika: S´phamandla Nkosi.

Sanftmut den Männern!…

Grenzen werden von Menschen gezogen. Nicht wenige sog. Russenkinder erlebten nach dem Krieg Beschämung und Diskriminierung oder einfach nur, dass geschwiegen und geleugnet wurde. Wo Grenzen gezogen werden, werden auch Grenzüberschreitungen sichtbar: in Liebe und Gewalt. So ist das Private immer auch politisch. Im Dritten Reich wurden sog. Mischehen mit nichtarischen Ehepartnern durchleuchtet. Auch hier bei uns. Der evangelische Liederdichter und Theologe Jochen Klepper ging mit Ehefrau und Tochter 1942 gemeinsam in den Tod.  Seine Ehefrau hatte von Geburt her einen jüdischen Hintergrund, war aber Christin geworden. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Und das alles, um die Zwangsscheidung zu verhindern: Nur der Tod kann mich und dich scheiden.

Lernen wir daraus, einander als Brüder und Schwestern zu begegnen, als Menschen mit einem Herz für den Anderen auch jenseits aller Grenzen, die wir selbst immer wieder setzen. Ein altes Liedchen aus Israel: Hinne matov.

Hine matov / Trommle mein Herz für das Leben

Eine Kirche aus vielen Völkern, in der Brüder und Schwestern im Frieden miteinander umgehen, bleibt auch heute ein großer Traum und Anspruch. Die Herrenhuter Brüdergemeinde versuchte dies und versucht dies bis heute zu leben. Sie hatte ihre Wurzeln in bedrängten Christen aus Böhmen und Mähren, die in Sachsen Zuflucht fanden. Sie entfaltete ab dem 18. Jahrhundert eine weltweite ökumenisch ausgerichtete Tätigkeit. Ihr erstes farbiges Mitglied gewann sie schon früh 1731. Der war zuvor Sklave an einem adeligen Hof. Am Beginn des kolonialen Zeitalters war das noch gang und gäbe. Darin drückte sich die Weltläufigkeit des Adels aus. Doch in Herrenhut war man auf Augenhöhe aller Menschen bedacht, egal woher sie kamen, egal ob arm oder reich. Die Beteiligten sollten in der Gemeinschaft wissen, dass sie ungeachtet aller Unterschiede zusammengehören, weil Christus in ihnen gemeinsam der Herr ist. Solche auch die sozialen Grenzen überschreitende Gemeinschaft und Liebe zueinander, die die sozialen Unterschiede aufhebt, wurde auch andernorts in der Welt angestrebt. Daraus ist z.B. die lebendige Tradition der Spirituals entstanden.

Kum ba ya, my Lord

Im Glauben an den einen Herrn gibt es eine ungeheure Spannbreite und Weite. Das Miteinander geschwisterlich zu leben bleibt für jede Generation neu eine Herausforderung. Das zeigt schon die kleine Geschichte von Noomi und Rut.

Migration und Integration sind keine Einbahnstraße. Grenzziehungen verändern das Leben von Familien. Und doch vermag es die Liebe, Brücken zu bauen zwischen Mensch und Mensch, Volk und Volk, so dass wir einander auch mit unterschiedlichen Prägungen annehmen können. Und nicht nur das, auch so, dass wir Grenzen überwinden, die von Menschenhand immer wieder gezogen werden: die Sichtbaren und die Unsichtbaren, die mit Blicken und Schweigen aufrechterhalten werden.

Im Glauben an den einen Gott verschwinden diese Grenzen. Da gelten die Unterschiede nicht. Es werden alle kommen und zu Tisch sitzen im Reich Gottes. Im Glauben an den, der in Betlehem das Licht der Welt für uns wurde, gilt die Einladung allen: egal aus welcher Himmelsrichtung sie kommen. Egal, welche Familiengeschichte sie mit sich herumschleppen. In der Familiengeschichte des Retters der Welt, Jesus Christus, ist die Geschichte der Moabiterin Rut ein schillernder Mosaikstein, der uns trotz aller Verschiedenheit zur Einheit mahnt.

Amen.

Damit aus Fremden Freunde werden

 

Segen