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Gottesdienst am 11. Oktober

„Es ist das Wort ganz nahe bei dir.“ Am 18. Sonntag nach Trinitatis feiern wir Gottesdienst in unserer St. Leonhardkirche mit Pfarrer Dr. Matthias Westerhoff. Wir dokumentieren heute nur die Predigt aus dem Gottesdienst.

 

Predigt

zum 18. Sonntag nach Trinitatis, 5. Mose 30,11-14

 

Liebe Gemeinde,

Die Kuh ist vom Eis, sagt man, wenn ein schwieriges Problem gelöst ist. Aber zunächst muss sie ja vom Eis geholt werden, geschoben werden, gezogen werden.

Es ist eine Wintergeschichte. Eine Kuh ist ausgebüxt und hat sich verirrt. Sie ist auf einen zugefrorenen Teich geraten. Sie ist immerhin 800 kg schwer. Der Landwirt hatte früher ganz wenige Tiere. Sie bedeuteten für ihn das Leben. Er muss es retten und dem verängstigten Tier, das merkt, dass es mit seinen Hufen ausrutscht, ganz ruhig zureden, es ganz sachte mit viel Überredungskunst von der gefährlichen Stelle holen, den Strick um den Hals nicht zu fest ziehen.

Die Kuh entschließt sich zu vorsichtigen Schritten. Endlich hat sie wieder festen Boden unter den Hufen. Heute spricht man sprichwörtlich nur noch von hinten herein, wenn der mühsame Vorgang beendet ist: „Die Kuh ist vom Eis“. Aber alles, was nötig war, bis es soweit ist, das ist da schon Vergangenheit.

Das Wort Gottes ist so ein geduldiges Zureden, das einem verängstigten Menschen zuteil wird. Es kommt einem Menschen sehr nahe, der sich selber nicht mehr helfen kann. In der Predigt des Mose, welche das 5. Buch Mose darstellt, heißt es: „Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir“.

Es ermutigt einen Menschen, der es in seinem Inneren hört, wenn er seine inneren Lauscher aufstellt, so dass er oder sie sich überhaupt traut und einen Schritt geht wie jede Kuh auf dem Eis.

Was man sich mal trauen muss, ist einen Wunsch zu äußern oder trotz Schwellenangst einen Anruf zu tätigen, es ist das Wort, das ganz nahe bei dir ist, welches uns hilft, dass wir’s tun, durch Zureden.

Darum ist uns auch der Sonntag gegeben und der Gottesdienst, dass wir uns trauen, Mensch zu sein. Denn der Sonntag ist doch der Tag der Auferstehung von den Toten, der erste Tag, an dem es heißt: „Es werde Licht“ und es ward Licht und eben nicht bloß für das ganze weite Universum, vielmehr auch für das sterbliche Menschenherz.

II

Es bleibt nicht verborgen und man spürt es doch heraus, wie verzweifelt der Prediger Mose ist. Denn er scheint mit einer Menge von Ausreden, Entschuldigungen, Einreden zu tun haben, mit denen die geliebten Angesprochenen alle darauf hinaus wollen, dass man das Wort eben nicht an sich heranlässt. Der erste Einwand lautet: Das Gebot ist zu hoch. Zu schwer verständlich, zu rätselhaft. Wenn wir hören: „Du sollst den Herrn deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt“ Lk 10,27), dann denken offenbar viele, das ist zu hoch. Deshalb sagen dann die Meisten, das Christentum sei Nächstenliebe. Denn den Nächsten kann man sehen und Gott nicht. Jemanden, den man nicht sehen kann, kann man auch nicht lieben. Folglich ist das Gebot zu hoch, zu schwierig, das da besagt: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen …“ Wer kann schon sicher sagen, ob Gott überhaupt existiert und ihn dann auch noch lieben, das ist ein bisschen viel verlangt, eben zu hoch.

Aber vielleicht geht’s auch ohne dass man sich Gewalt antut und sich zu etwas Hohem zwingt, wie an Gott zu glauben. Vielleicht hört man einfach einmal zu, wenn’s heißt: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“. So schreibt der Apostel Paulus (Römer 5,5). Wir merken, es tut sich in unserem Herzen einer kund, der keinen Anfang und kein Ende hat. Unser Herz, stellt man fest, gehört uns nicht. Es ist entweder an die Angst ausgeliefert und eng geworden durch Verängstigung oder ganz weit, weil wir einmal wieder darauf hören, dass die Liebe Gottes ausgegossen ist in unsere Herzen durch den heiligen Geist.“ Ob man das lieben kann, wenn’s da ist und spürbar wird? Das ist nicht zu hoch und nicht zu schwierig. Von einer so großen Weite für das Menschenherz spricht der Liedvers: „Danke, dass ich dein Wort verstehe, danke, dass deinen Geist du gibst. Danke, dass in der Fern und Nähe du die Menschen liebst.“

Mose muss der Ausrede widersprechen, dass man erst ins Universum hinaus muss, um für sich selber weise zu werden.

Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest: Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun?“, predigt Mose, und geht auf Leute ein, die so reden, als müsste man durch Kontakt mit Außerirdischen in einer fernen Galaxie das Rätsel des Lebens und seine Probleme lösen. Auch nicht himmlische Gedanken sind’s, die retten. Friedrich Schiller dichtete: „Brüder – überm Sternenzelt / muss ein lieber Vater wohnen.“ Aber was ist das für ein Glaube, zu dem man seine Vernunft zwingen muss? Er ist Wunschdenken.

Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagen müsstest: Wer will für uns über das Meer fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun?“, predigt Mose zu Leuten, die so reden, als müsse man erst eine Weltreise unternehmen, um zu erkennen, worauf es ankommt. Gleichwohl, es kann schon sein, dass durch eine Reise in ein fernes Land sich bei der Rückkehr eine Lockerung einstellt und eine größere Bereitschaft spürbar wird, sich auf das „Wort ganz nahe bei dir“ einzulassen.

III

Man kann jenseits des Meeres tätig sein wie der schwedische Politiker Dag Hammarskjöld [Hammar-chöld], der von 1953 bis 1961 Generalsekretär der „Vereinten Nationen“ war. Was ihm wirklich Respekt einbrachte, war, als unter seiner Führung im Jahre 1956 in der Sueskrise ein Ende der Kriegshandlungen von Israel und seinen Verbündeten gegen Ägypten erreicht wurde und binnen zwei Tagen eine Friedenstruppe aufgestellt wurde, die erste Friedensmission der vereinten Nationen.

Als ihn der sowjetische Partei- und Staatschef Nikita Chruschtschow vier Jahre später aufforderte, zurückzutreten, weil er ein Anwalt der kapitalistischen Länder wäre, widersetzte sich Dag H., weil er sich als Anwalt nicht einer Supermacht, nicht der Großen, sondern der Kleinen, der Länder der sog. „3. Welt“ fühlte. Es war sein Rechtsgefühl, das ihn zwang zu bleiben und nicht dem Druck zu weichen. Er hatte ein Ja zu seinem Beruf oder zu einer Berufung gefunden, das ihn standhalten ließ. Nach seinem Tod fand man sein Tagebuch mit dem Titel „Zeichen am Weg“, in dem er unter anderem schrieb:

Ich weiß nicht, wer – oder was – die Frage stellte. Ich weiß nicht, wann sie gestellt wurde. Ich weiß nicht, ob ich antwortete. Aber einmal antwortete ich ja zu jemandem – oder zu etwas. Von dieser Stunde her rührt die Gewissheit, dass das Dasein sinnvoll ist und dass darum mein Leben, in Unterwerfung, ein Ziel hat“ (196).

Aus dieser Äußerung spüren wir, wie jemand mit so etwas lebt, wie es die Predigt des Mose beschreibt: „Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.

Weil etwas in ihm war, das ihm die Kraft zum Standhalten gab, blieb er seiner Mission treu und starb dann auch bei einer Friedensmission, als er für die Einheit des Kongo mit einem Rebellenführer verhandeln wollte, aber sein Flugzeug vorher abstürzte.

Das Wort, das dem Herzen nahe ist, mag als etwas Fremdes, Unbekanntes erfahren werden, das ganz von außen und vom Jenseits her kommt und überhaupt erst das eigene Sein und Leben anstößt und ins Spiel bringt. Dag H. notierte diese Erfahrung:

Jetzt. Da ich die Furcht überwunden – vor den anderen, vor mir, vor dem Dunkel darunter: an der Grenze des Unerhörten: Hier endet das Bekannte. Aber vom Jenseits her erfüllt etwas mein Wesen mit seines Ursprungs Möglichkeit.“ (95).

Man bleibt nicht in und bei sich selbst, lebt vielmehr in seinem eigenen Herzen mit einem Jenseits zusammen. Das verleitet den Menschen, zu sprechen und Taten zu tun, mit denen er über seinen Schatten springt.

Dazu helfe uns Gott. Amen.