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Ewigkeitssonntag

Durch das Dunkel des Kreuzes fällt das helle Licht. Unser Friedhofstor weist uns den Weg zur Ewigkeit Gottes. Unsicher sind wir in diesen Tagen und wissen nicht, was morgen sein wird. Selten war diese Erkenntnis so wahr. Wir feiern die Ewigkeit Gottes und gedenken der Verstorbenen.

 

 

Predigt

Liebe Gemeinde,

grau ist der Himmel verhangen. Doch plötzlich erscheint die Sonne zwischen den dunklen Wolken. Binnen Sekunden verwandelt sie die trübe Novemberlandschaft in ein warmes Bild. Die Stimmung hebt sich beim Betrachter. In diesen Tagen genießt man die wärmenden Strahlen der Sonne besonders. Doch bald schon schiebt sich wieder das Grau in den Vordergrund. Die sonnige Episode bleibt eine kurze Erinnerung.

So ist es mit unseren Erinnerungen an unsere Verstorbenen. Wie ein Lichtspiel blitzen sie auf. Bilder stehen uns ganz nahe vor Augen. Gefühle, Gesten, gemeinsam erlebte Ereignisse werden in uns wachgerufen. Das Grau der Trauer ist für einen Moment lang in ein warmes Licht getaucht.

Fröhliche Stunden – Gespräche, die gut tun – die Liebe zweier Menschen – das gesellige Beisammensein mit Bekannten – Gemeinsam geteiltes Leid – Miteinander getragene schwere Entscheidungen – Familienglück – gute Freunde – einander bestärkende Aktionen und Projekte.

Erinnerungen sind manchmal wie Lichtspiele, die den grauen Schleier wegziehen und das Leben in einen warmen Farbton hüllen. In ihnen verschwimmen Vergangenheit und Gegenwart. Schmerzhaft und tröstlich, fremd und nah zugleich sind sie uns. Wie in den Bildern, die der Seher Johannes im letzten Buch der der Bibel beschreibt.

Ich lese den Predigttext für den heutigen Ewigkeitssonntag aus der Offenbarung des Johannes im 21. Kapitel:

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind gewiss! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Wer überwindet, der wird dies ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein.

 

Liebe Gemeinde,

am Ende der Bibel blitzt dieses Bild von Gottes neuer Welt auf. Schöne Bilder und Gedanken reihen sich aneinander. Das, was einmal bedrückt hat, was Leid hervorgerufen hat, ist nicht mehr. Sogar die Trauer und der Tod haben ein Ende.

Uns fällt es schwer, das zu glauben. Es ist wie eines der Bilder, das aufblitzt und unsere Gedanken wärmt. Aber es ist viel zu schön, um wirklich wahr zu sein. In dieser neuen Welt Gottes hält die Liebe wie eine Braut Einzug und öffnet alle verschlossenen Türen. Das Leben in dieser neuen Stadt wartet mit unbegrenzten neuen Möglichkeiten auf. Die Tore stehen offen.

Aber sind sie auch für uns geöffnet? Sind nicht gerade eben erst Türen für immer ins Schloss gefallen? Das geht alles ein bisschen schnell. Wir sind noch gar nicht dazu in der Lage, neue Türen zu sehen.

Vielleicht hilft uns ein Bild auf die Spur. Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Auch Gott wandelt sich. Er bleibt nicht der, der droben im fernen Himmel waltet, sondern kommt zu uns in unsere Hütten. Luthers Übersetzung ist hier immer noch sprachlich schön. Gott kommt in unsere Häuser. Er ist nicht nur im Gotteshaus uns nahe, sondern auch draußen, wo immer wir uns in Gemeinschaft um ihn versammeln. Er ist uns auch in unseren Häusern nahe. Er wohnt mitten unter uns.

Luthers Hütte, wenn auch sprachlich windig, ist doch schon etwas Beständigeres als das biblische Zelt, von dem eigentlich hier die Rede ist. Ein Zelt kann an verschiedenen Orten aufgeschlagen werden. Es wurde zum Zeichen dafür, dass Gott für sein wanderndes Gottesvolk an verschiedenen Orten nahe sein kann.

Wir sind in diesem Jahr etwas heimatlos geworden. Unsere Hütte St. Leonhard bietet uns zur Zeit nur in begrenztem Maße eine Heimstatt. Das ist uns gerade bei den Trauerfeiern sehr schmerzlich bewusst geworden. Gottesdienste konnten wir im Garten, um die Kirche herum, jetzt hier unter dem Zeltdach der Halle feiern. Trauergottesdienste oft nur mit begrenzter Gemeinde halb in der Kirche, mit der anderen Hälfte auf dem Friedhof im Freien.

Und doch ist Gott an allen diesen Orten uns nahe, ganz besonders auch auf dem Gottesacker, wie ein altes Wort es bezeichnet. Vielleicht brauchen wir tatsächlich weniger Dome. „Das liebe Evangelium kriecht in jeder Hütte unter und hält sie warm.“, hat der frühere Präses der rheinischen Kirche Peter Beier einmal gesagt. Das Evangelium kommt wie eine frohe Botschaft in warmen Bildern wie unserem Text und sucht sich seine Nähe.

Und noch ein anderes Bild hilf: Gott berührt. Das ist etwas ganz Besonderes. Es ist gar nicht beschrieben, wie Gott aussieht. Da schweigt die Bibel also auch an ihrem Ende. Sein Bild bleibt verborgen. Aber er ist doch da. Viel schöner noch als in einem konkreten Bild ist er da. In einer zärtlichen Geste kommt er dem Trauernden nahe. „… und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.“ Dieses Bild ist rührend, berührend. Unsere Tränen, unsere Tränen der Trauer um einen geliebten Menschen, um das Ende einer Liebe, unsere Tränen der Wut über die Ignoranz der Mächtigen dieser Welt, all diese Tränen wischt Gott von unseren Augen. Gott redet hier nicht, er redet uns auch nicht die Tränen aus. Gott berührt uns mit einer zarten Geste.

Das ist – gerade in diesen Tagen – in denen Berührungen unter Generalverdacht stehen – ein starkes Bild. Gott kommt zu uns und berührt uns. Mehr muss über Gott eigentlich gar nicht gesagt werden. Er berührt uns in einer freundlichen Geste unserer Mitmenschen und Freunde. Er berührt uns mit der Melodie eines Liedes. Er berührt und tröstet mit seiner unerwarteten Nähe.

Solcher Trost ist Widerstand gegen das Leid, das Menschen erfahren. Solcher Trost schenkt Geduld in schwerer Zeit. Er beschönigt nicht das, was Menschen erleben, aber er sagt: Es ist nicht das Letzte.

Am Ende ist Gott. So wie Gott am Anfang da war. Er ist das A und das O. Er macht am Ende alles neu. In den Bildern, die uns wie Momentaufnahmen aufblitzen, in den Gesten, die wir erinnern, wird diese alte Welt schon verwandelt und in ein neues Licht getaucht. In diesem Licht spiegelt sich das Licht des Auferstandenen. In ihm kommt Gott uns nahe. Er ist das Licht in unserer Dunkelheit. Seine Auferstehung ist der Beginn jener neuen Welt. In dieser neuen Welt sind wir, sind unsere Verstorbenen nicht verloren. Sie und wir haben schon jetzt dort in Gottes Stadt eine Heimat.

Wenn in der Leere und Stille der Trauer, die uns manchmal umgeben, ein Bild der Erinnerung an die Verstorbenen aufsteigt, dann empfinden wir den Schmerz der Trennung, aber wir erfahren uns auch mit ihnen in besonderer Weise verbunden. Das mag uns trösten wie ein warmer Lichtschein aus Gottes neuer Welt, die mit Christi Auferstehung angebrochen ist.

So lasst euch immer wieder neu berühren von unserm Gott, der abwischen will unsere Tränen. Seht mit den Augen der Liebe, wo die Türen sind, die sich für euch neu öffnen werden.

Amen.

 

Gebet und Segen

Ewiger Gott,
Gedenke unserer Entschlafenen,
die wir geliebt haben und lieben.
Gedenke unserer verstorbenen
Mütter und Väter,
Töchter und Söhne,
Schwestern und Brüder,
Freundinnen und Freunde,
die wir nicht vergessen können.
Gedenke unserer Toten,
die wir dir anvertraut haben.
Wir danken dir,
dass du uns in Trauer und Leid
beistehst und tröstest.
Wir danken dir,
dass uns auch der Tod
nicht aus deiner Hand reißen kann.
Wir hoffen auf dich.
Erbarme dich aller,
die keinen Trost gefunden haben.
Sei ihnen nahe
mit deiner Güte
und lass uns allen
das Licht der Auferstehung
leuchten.
Amen.

Christus spricht:
Ich bin die Auferstehung und das Leben.
Wer an mich glaubt, der wird leben,
auch wenn er stirbt;
und wer da lebt und glaubt an mich,
der wird nimmermehr sterben.

So geht in diese neue Woche unter dem Segen unseres Gottes:

Der Herr segne euch und behüte euch.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über euch
und sei euch gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf euch
und gebe euch Frieden.
Amen.