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Erster Advent

„Tochter Zion, freue dich!“ Dieses Lied gehört zum Advent. Doch ist uns in diesem so anderen Advent überhaupt danach, vollmundig zu singen?

 

 

Evangelium

Das Evangelium für den heutigen Sonntag
steht bei Matthäus im 21. Kapitel, die Verse 1 bis 9:

Als sie in die Nähe von Jerusalem kamen,
Nach Betfage an den Ölberg,
sandte Jesus zwei seiner Jünger voraus und sprach zu ihnen:
Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt.
Und sogleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden
und ein Füllen bei ihr;
bindet sie los und führt sie zu mir!
Und wenn euch jemand etwas sagen wird,
so sprecht: Der Herr bedarf ihrer.
Sogleich wird er sie euch überlassen.
Das geschah aber, auf dass erfüllt würde,
was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht:
„Sagt der Tochter Zion:
Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig
und reitet auf einem Esel
und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.“
Die Jünger gingen hin
und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte,
und brachten die Eselin und das Füllen
und legten ihre Kleider darauf, und er setzt sich darauf.
Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider
auf den Weg;
andere hieben Zweige von den Bäumen
und streuten sie auf den Weg.
Das Volk aber, das ihm voranging und nachfolgte,
schrie und sprach: Hosianna dem Sohn Davids!
Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn!
Hosianna in der Höhe!
Und als er in Jerusalem einzog,
erregte sich die ganze Stadt und sprach: Wer ist der?
Das Volk aber sprach:
Das ist der Prophet Jesus aus Nazareth in Galiläa.

 

Predigt

Liebe Gemeinde,

„Tochter Zion, freue dich!“ – dieses Lied gehört zum Advent. Es hat adventlichen Kultstatus erlangt. Die Melodie von Händel aus dem 18. Jahrhundert samt dem Text von Friedrich Heinrich Ranke aus dem 19. Jh. sind freilich schon älter. Aber in unser Evangelisches Gesangbuch hat es das Adventslied erst 1995 geschafft. Es ist daher durchaus eines der neueren Advents- und Weihnachtslieder, zumindest eines, das in den letzten dreißig Jahren erst so richtig zu einem Adventsschlager wurde.

Vollmundig wird die Ankunft des Friedenskönigs in einem Marsch besungen. Der König wird in höchsten Tönen empfangen. Entspricht das eigentlich dem Bild, das die biblischen Texte von dem kommenden Friedenskönig zeichnen?

Hört Worte aus dem Propheten Sacharja, die diesem Adventslied zugrunde liegen:

Du, Tochter, Zion, freue dich sehr,
und du, Tochter Jerusalem, jauchze!
Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter
und ein Helfer,
arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.
Denn ich will die Wagen vernichten in Ephraim
und die Rosse in Jerusalem,
und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden.
Denn er wird Frieden gebieten den Völkern,
und seine Herrschaft wird sein
von einem Meer bis zum andern
und vom Strom bis an die Enden der Erde.

(Sacharja 9,9+10)

 

Liebe Gemeinde,

in diesem so anderen Advent fällt die Aufforderung zur Freude nicht leicht. Keine Adventsmärkte, kein Glühwein und Plätzchen nach dem Adventsfenster, kein Bratwurstgeruch, kein Weihnachtsoratorium, keine Weihnachtsfeiern der Vereine und keine Konzerte der Schulen, kein gemeinsames Liedersingen – all, das, was die Adventszeit als gesellige Zeit ausmacht, wird uns in diesem anderen Advent fehlen.

Klingt da nicht auch das vollmundige Tochter Zion wie aus einer anderen Welt herüber? Einer Welt, in der der Lichterglanz die Herzen wärmte. Einer Welt, in der wir gemeinsam dieses „freue dich sehr“ uns lauthals zu singen trauten. Einer Welt, in der uns zwar nicht alle Wünsche erfüllt wurden, aber Sicherheit garantiert war.

Was bringt dieser König uns heute? – Den erhofften Impfstoff? Siehe, er kommt bald. Mit gerade zu adventlichen Worten wird er derzeit angekündigt. Die Sicherheit, mit der Familie und den Freunden Weihnachten feiern zu können? Geradezu fieberhaft wurde darum gerungen, das Fest der Feste nicht auch noch unter Kontaktarmut zu stellen. Ein Leben in Geborgenheit? Fernab der Sorge um unsere engsten Angehörigen, die zu den besonders verletzlichen Personengruppen gehören.

Neben den Hoffnungen für unser ganz persönliches Leben waren es schon immer auch die großen Visionen, die uns im Advent besonders berührten. Es möge Friede werden auf Erden, wenn der König des Friedens einzieht. Der Hass und das Morden mögen ein Ende haben. Die Sanftmütigkeit möge das Zepter übernehmen. Es möge Friede werden für Mensch und Umwelt, damit die natürlichen Ressourcen auch noch den zukünftigen Generationen zur Verfügung stehen können. Es möge Friede sein in unseren Familien und Freundschaften, die allzu oft von Zwist und Streit zerrissen werden. Es möge Friede sein zwischen den Kulturen vor und hinter unseren Haustüren, den Menschen, mit denen wir leben.

Solche Hoffnungen mögen die Menschen am Straßenrand vor den Toren Jerusalems auch in ihrem Herzen gehabt haben, als sie ihm zujubelten. Jetzt bricht eine andere Zeit an. Freut euch! Der Retter kommt.

Aber bald kam das böse Erwachen. Nur wenige Tage später erkennt der Jubilierende: Er stürzt die Mächtigen nicht vom Thron. Er ist nicht stärker als die Wagen und Rosse. Krieg und Streit haben mit seinem Kommen nicht auf einmal ein Ende.

Wer so vollmundig in höchste Höhen singt, kann tief abstürzen. Sind alle Hoffnungen umsonst? Läuft die Sehnsucht nach Heil und Rettung ins Leere?

Nein, die ganz großen Hoffnungen wollen wir nicht fahren lassen, auch nicht in diesen besonderen Zeiten. Aber es ist beim genaueren Hinsehen eben auch kein König mit Krone und Zepter, der da einzieht in die Tore der ewigen Stadt. Er ist ein König in niedern Hüllen. Auf einem Esel kommt er geritten. Da ist gar kein Zeichen von Stärke und Macht erkennbar. Dennoch soll er so den Frieden bringen, der bis an die Enden der Erde reicht. Dennoch soll er die Geängstigten trösten. Dennoch soll er die beunruhigten Seelen zur Ruhe bringen. Wie kann das zugehen?

Die Hoffnung richtet sich auf den Gott, der zu uns als Mensch kommt. Auf dem Esel sitzt kein Mensch mit überirdischen Fähigkeiten. Da will jemand zu uns kommen, der uns auf Augenhöhe begegnen will. Er hört uns zu, sieht unsere Sorge, unsere Angst vor der Zukunft. Er teilt unser Leiden an dem, was in der Welt im Argen liegt und sehnt sich wie wir nach Erlösung dieser alten Welt. So kommt Gott zu uns in Jesus, dem Christus und will unsere alte Welt verwandeln.

Dieser Friede beginnt bei uns, wo wir auf den anderen achten, ihn sehen und für ihn sorgen. Der Friede beginnt bei uns, wo wir uns selbst einmal einen Fehler eingestehen und mit dem anderen etwas klären, was zu lange schon im Argen liegt. Dieser Friede Gottes beginnt bei uns, wo wir gemeinsam hoffen auf eine bessere Welt ohne Leid und Not.

Damit sind beileibe nicht alle Dinge in der Welt zurechtgebracht, nicht alle unsere Wünsche erfüllt. Aber diese Welt wird von Tag zu Tag heller, wenn wir Gott zu uns kommen lassen. Er ist nicht aufzuhalten in seinem Kommen. Auch in diesem so besonderen Advent nicht.

Eine alte Geschichte erzählt Amos Oz, der israelische Schriftsteller, von Gerschom Wald. Eine Kreuzfahrerschar im 11. Jahrhundert machte sich auf aus der Gegend um Avignon nach Jerusalem, um dort den Seelenfrieden zu finden. Eine Kreuzfahrt war ja im ursprünglichen Sinne eine geistliche Pilgerreise. Nicht nur einmal verirrten sie sich, nicht nur einmal litten sie unter Epidemien, unter der Kälte, dem Mangel. Während der ganzen Zeit sahen sie das wunderbare Jerusalem vor sich, eine Stadt, in der es nichts Böses und kein Leid gab, nur himmlische Ruhe, von ewigem Licht des Erbarmens überflutet. So zogen sie weiter. Langsam sank ihre Stimmung, einige verschwanden nachts, andere wurden verrückt, je mehr sie ahnten, dass dieses ersehnte Jerusalem vielleicht keine Stadt war, sondern der Ausdruck ihrer Sehnsucht. Trotzdem zogen die Kreuzfahrer weiter Richtung Jerusalem. An einem Sommerabend erreichten sie ein kleines Tal, mitten in einem Land, das heute als Slowenien bekannt ist. In ihren Augen war dieses Tal eine göttliche Oase, voller Quellen und Wiesen. Die Bauern des Dorfes machten einen ruhigen gelassenen Eindruck. So kam es, dass die Kreuzfahrer beschlossen, diesem gesegneten Tal den Namen Jerusalem zu geben. Nachdem sie sich in diesem Jerusalem von diesen Strapazen erholt hatten, begannen sie, es mit eigenen Händen aufzubauen. Sie nahmen sich die Mädchen des Dorfs zu ihren Frauen, sie bekamen Kinder, die in Jerusalem aufwuchsen und vergnügt im Jordan plantschten. Und so leben sie bis zum heutigen Tag ein reines Leben, sagt Gerschom Wald, ein freies Leben in der heiligen Stadt im Gelobten Land, und das alles ohne Blutvergießen und ohne ständige Kämpfe mit Ungläubigen und mit Feinden. Sie leben in ihrem Jerusalem in Ruhe und Frieden. (Amos Oz, Judas, Berlin 2019)

Diese kleine Geschichte zeigt, wie die große vom Einzug Jesu nach Jerusalem: Es sind die kleinen Schritte, die wir selbst gehen können auf dem Weg der Hoffnung und des Friedens bei uns vor Ort. Diese Schritte traut Gott auch uns zu in dieser anderen Adventszeit. Nicht alles ist so anders als sonst. Vieles wird bei uns zu Hause auch vertraut bleiben.

Auch Gott bleibt derselbe. Er kommt zu uns wie jedes Jahr. Vielleicht sind einige unserer Wünsche und Hoffnungen in diesem Jahr sogar dringlicher und das Warten auf sein Kommen wird uns dadurch bewusster erfahrbar. Die Freude darüber, dass er zu uns kommt, müssen wir uns nicht nehmen lassen. In der dritten Strophe des Adventsliedes „Tochter Zion“ heißt es: „Sei gegrüßet, König mild!“ Mögen wir sein Kommen spüren in den wenigen, aber umso wichtigeren Begegnungen, die uns wertvoll sind. Lassen wir die Hoffnung auf den Frieden im Kleinen wie im Großen nicht fahren.

Amen.

 

Segen

So geht in diesen Sonntag
und die vor uns liegende Adventszeit
unter dem Segen unseres Herrn.

Der Herr segne euch und behüte euch.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über euch
und sei euch gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf euch
und gebe euch Frieden.
Amen.

 

Tochter Zion – EG 13,1-3
(Thomanerchor, Aufnahme von 1989)