Suche Menü

„Bleibet hier und wachet mit mir“

In der „Liedwunschbox“ fand sich dieses kleine Taize-Lied, Nr. 700 in unserem Evangelischen Gesangbuch. Es passt gut in die Karwoche, nimmt es doch die Worte Jesu im Garten Gethsemane auf. Gedanken zum Tag auch in Erinnerung an Dietrich Bonhoeffer, dessen Todestag am 9. April sich zum 75. Mal jährt.

 

Bleibet, wachet, betet. Das Gebet ist wieder in aller Munde. Der Ministerpräsident ruft dazu auf. Die Kirche sowieso. Auch wir hier in unseren Gedanken zum Tag. Selbst die, die nicht damit rechnen, dass es Gott gibt, beten. Sie reden ihn sogar mit „Lieber Gott“ an, glauben aber nicht, dass es ihn wirklich gibt und fragen sich, ob ihr Gebet etwas bringt. So schrieb es ein Redakteur im Süddeutschen Magazin am Wochenende. Trotzdem wäre es ihm wohl lieb, wenn es Gott gerade jetzt gäbe.

Als Theologe wundert man sich manchmal, was alles so geschrieben wird über Gott, den Glauben und das Gebet. Freilich, es darf ja jeder seine Erfahrungen zum Besten geben. Aber im Magazin einer großen deutschen Tageszeitung wünschte man sich dann doch etwas mehr als religiöse Erfahrungsplauderei zur Karwoche.

Angesichts des 75. Todestages von Dietrich Bonhoeffer in dieser Karwoche wäre es z.B. naheliegend, wieder einmal in die auch für Nicht-Fachleute ganz gut lesbare Briefsammlung „Widerstand und Ergebung“ hinein zu blättern. Es ist immer noch eine wahre Fundgrube für alle, die sich über ihren Glauben an Gott Gedanken machen und offene Fragen formulieren können.

Wo behält Gott noch Raum?“, so stellte Dietrich Bonhoeffer die rhetorische Frage nach der Existenz Gottes in der modernen Welt. Die Wissenschaften hätten die Welt und die Freiheit des Menschen zum Ziel der Gedanken gemacht. Gott sei als Arbeitshypothese der Wissenschaft abgeschafft. Ein erbaulicher Naturwissenschaftler, Mediziner, etc. sei ein Zwitter.“

Das können wir gerade sehr gut nachempfinden. Es zählt das, was die Virologen sagen, was die Medizin der Politik empfiehlt. Das aber muss, mit Bonhoeffer gesprochen, zunächst kein Schaden sein. Diese Situation zu verdammen oder gar zu ignorieren mache keinen Sinn. Ja, ich füge hinzu: Für Ostersonntag jetzt die Öffnung der Kirchen und die Feier von Gottesdiensten zu fordern ist blauäugig.

Auch der Rückweg in frühere Zeiten sei ausgeschlossen. Wir müssten dann auch die Erkenntnisse der Wissenschaft ignorieren, die uns viel Segen gebracht haben. Daher sei dieser Weg ebenfalls ein Traum, schreibt Bonhoeffer, ein Traum nach der Melodie: „O wüsst´ ich doch den Weg zurück, den weiten Weg ins Kinderland.“

Dort im Kinderland mag für manch einen noch die Vorstellung vom „Lieben Gott“ hängen, der uns auf allen Wegen begleitet, der tröstet, beisteht und rettet aus allen Notlagen. Was ist aber, wenn´s nicht so ist. Bleiben, wachen, beten – diese drei Worte Jesu im Garten Gethsemane sind Worte, die aus tiefer Not gesprochen sind. Hier fühlt sich jemand verlassen. Hier ringt einer mit seiner Angst. Hier ist jemand allein mit sich – auch von Gott verlassen? Bonhoeffer sagt, es ist derselbe Gott: „Der Gott, der mit uns ist, ist der Gott, der uns verlässt. Es ist der Gott, den Jesus am Kreuz anruft: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“

Darum gibt es den Weg zu Gott nur durch Buße. Es ist ein Weg hin zur Kindschaft, nicht ins Kinderland, aber zurück zu Gott: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ (Mt 18,3). Umkehr, letzte Redlichkeit, ist die Wegweisung. Wer daran glaubt, ist ein Kind Gottes.

Bonhoeffer: „Gott lässt sich aus der Welt hinausdrängen ans Kreuz, Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt und gerade nur so ist er bei uns und hilft uns. Er hat unsere Krankheit auf sich genommen und unsere Schwachheit hat er getragen (Mt 8,17). Es ist hier ganz deutlich, dass Christus nicht hilft kraft seiner Allmacht, sondern kraft seiner Schwachheit, seines Leidens!“

Ich bin froh, dass unser christlicher Glaube kein einfacher Schönwetterglaube ist, dass Gott kein einfacher Wunschautomat ist, der uns immer hilft, wenn wir nur schön beten. Nein unser Glaube ist gerade dann tragfähig, wenn es darauf ankommt. Dort, wo Menschen schwach sind, wo sie leiden und sterben müssen, da ist er auch noch da. Gerade jetzt in diesen Wochen ist er da. Denn er ist selbst ohnmächtig und leidet mit. Bonhoeffer geht so weit, zu sagen: „Nur der leidende Gott kann helfen.“

Am 9. April 1945 wurde Dietrich Bonhoeffer in Flossenbürg hingerichtet. Er blieb, obwohl andere gingen und auch er Grund dazu gehabt hätte, zu gehen. Er war wachsam bis zuletzt in Sprache und Geist. Er lehrte beten in einer Welt ohne Gott, vor und mit Gott.