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Bleib bei mir, Herr!

Bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt.“ (Lk 24,29) – Die Bitte der beiden Emmausjünger am Abend des Ostertages ist vielfältig literarisch und musikalisch aufgenommen und vertont worden. Ein besonders einfühlsames Zusammenspiel von Text und Melodie findet sich in dem alten schottischen Kirchenlied aus dem 19. Jahrhundert „Abide with me“, das wir in unserem Evangelischen Gesangbuch unter der Nr. 488 mit dem Titel „Bleib bei mir, Herr! Der Abend bricht herein.“ finden. Bei unserem Posaunenchor gehört dieses Abendgebet zu einem der Lieblingslieder.

 

Bleib bei mir, Herr! Der Abend bricht herein.
Es kommt die Nacht, die Finsternis fällt ein.
Wo fänd ich Trost, wärst du, mein Gott, nicht hier?
Hilf dem, der hilflos ist: Herr, bleib bei mir!

Wie bald verebbt der Tag, das Leben weicht,
die Lust verglimmt, der Erdenruhm verbleicht;
umringt von Fall und Wandel leben wir.
Unwandelbar bist du, Herr, bleib bei mir.

Die Bitte der beiden Jünger „Bleibe bei uns!“ ist mehr als eine freundliche Einladung. Der Fremde, der ihnen auf dem Weg begegnete, war ihnen nahe gekommen. Sie zeigten sich gastfreundlich. Sie baten ihn inständig. Er ging mit ihnen hinein in das Gasthaus. Doch auf einmal wurden sie selbst zu seinen Gästen. Er brach vor ihren Augen das Brot.

Das Lied von Henry Francis Lyte (1847) nimmt die Bitte der Jünger auf. Der Abend wird dem Dichter der Zeilen zum Sinnbild der verfallenden Welt, des Leides und des nahen Todes. Vermutlich kurz vor dem eigenen Tod sind diese Zeilen entstanden oder schon früher notiert nach dem Tod eines Freundes. Die Bitte nach Halt und Beständigkeit findet in jeder Strophe des Liedes ihr Ziel in dem Satz: Herr, bleib bei mir!

Ja, natürlich ist er da, denn er ist unwandelbar. Er ist in Licht und Dunkelheit. Er nimmt dem Tod den Stachel. Im Leben und im Tod ist er da. 

Aber dann ist er ja doch wieder verschwunden – dieser österliche Christus, der mal hier, mal dort erscheint. So unstetig ist er. Nein. Gerade das ist der Sinn seiner Auferstehung. Auferstehung Jesu Christi bedeutet: Er ist hier. Ganz besonders dort, wo der Abend hereinbricht, wo das Leiden uns Schmerzen bereitet, die Ruhelosigkeit der Nacht uns quält, die Sorgen, was wir morgen wieder alles zu bewältigen haben, uns zu erdrücken drohen. Dort ist er nahe, wo wir ihn nicht vermuten.

Aber diese Nähe ist anders. Sie ist keine nur menschliche Nähe, nach der wir uns jetzt auch hier und da sehnen. Sie ist Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott, der unser Leben trägt und hält.

Von deiner Hand geführt, fürcht ich kein Leid,
kein Unglück, keiner Trübsal Bitterkeit.
Was ist der Tod, bist du mir Schild und Zier?
Den Stachel nimmst du ihm: Herr bleib, bei mir! 
(Text: Henry Francis Lyte, 1847,
Übersetzung Theodor Werner 1952)

Mit diesem österlichen, auferstandenen Christus im Herzen lasst uns diese unsicheren Zeiten, in denen wir uns täglich auf neue Dinge einstellen dürfen und müssen, mit Zuversicht angehen. Amen.