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Abendgottesdienst am 21. März

Abendgottesdienst am Sonntag Judica, dem fünften Sonntag in der Passionszeit, mit Prädikantin Michaela Wilfert.

 

 

Lesung

1 Denn jeder Hohepriester, der von den Menschen genommen wird, der wird eingesetzt für die Menschen zum Dienst vor Gott, damit er Gaben und Opfer darbringe für die Sünden. 2 Er kann mitfühlen mit denen, die unwissend sind und irren, weil er auch selber Schwachheit an sich trägt. 3 Darum muss er, wie für das Volk, so auch für sich selbst opfern für die Sünden. 4 Und niemand nimmt sich selbst diese Würde, sondern er wird von Gott berufen wie auch Aaron. 5 So hat auch Christus sich nicht selbst die Ehre beigelegt, Hoherpriester zu werden, sondern der, der zu ihm gesagt hat (Psalm 2,7): »Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt.« 6 Wie er auch an anderer Stelle spricht (Psalm 110,4): »Du bist Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks.« 7 Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen vor den gebracht, der ihn aus dem Tod erretten konnte; und er ist erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt. 8 So hat er, obwohl er der Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt. 9 Und da er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber der ewigen Seligkeit geworden, 10 von Gott genannt ein Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks. (Hebräer 5,1-10)

 

Predigt

Gnade sei mit euch
und Friede von Gott, unserem Vater
und dem Herrn Jesus Christus.
Amen.

 

Liebe Gemeinde,

Hiobsbotschaften sind sprichwörtlich. Und es gibt viele Menschen, die sich angesichts schwerer Schläge in Leid und Elend wiederfinden. Menschen, die sich fragen, warum ihnen solches widerfährt, was sie verbrochen haben müssen, was die Ursache für dieses unsägliche Leid ist und wozu sie dies alles aushalten müssen.

Hiob war einst auf der Sonnenseite des Lebens. Ihm ging es familiär, gesellschaftlich und sozial gut. Dankbar und gottesfürchtig lebte er vor Gott. Doch plötzlich wurde ihm alles genommen: sein Reichtum, sein Geschäft, seine Kinder und zuletzt auch seine Gesundheit. So wie Hiob Segen dankbar aus Gottes Hand genommen hatte, vermochte er unter tiefem Schmerz und tiefer Trauer all das, was Gott ihm anvertraut hatte, wieder abzugeben und dabei den Namen Gottes zu loben.

In all dem Schweren hielt Hiob im Glauben an Gott fest, obwohl seine Frau ihn aufforderte, seinen Glauben loszulassen und Gott-los zu sterben. Auch seine Freunde waren ihm nur leidliche Tröster. Sie suchten mit gutmeinenden Ratschlägen Hiob zum Nachdenken zu bewegen, was in seinem Leben falsch gelaufen sein müsse, wenn Gott ihn mit dem erfahrenen Schicksal so straft. Hiob lies diese Worte seiner Freunde über sich ergehen. Und hier setzt nun der Predigttext für heute an. Ich lese aus dem 19. Kapitel des Hiobbuches die Verse 19-27:

19 Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt. 20 Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch, und nur das nackte Leben brachte ich davon. 21 Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, ihr meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen! 22 Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch? 23 Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift, 24 mit einem eisernen Griffel und mit Blei für immer in einen Felsen gehauen! 25 Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. 26 Nachdem meine Haut noch so zerschlagen ist, werde ich doch ohne mein Fleisch Gott sehen. 27 Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.

Lasst uns in der Stille um den Segen des Wortes Gottes beten! [Stille]

Herr, öffne unsere Ohren und Herzen für dich und dein Wort und tue meine Lippen auf, dass mein Mund deinen Ruhm verkündige. Amen.

 

Liebe Gemeinde!

Hiob ist am Ende. Allein sein nacktes Leben hat er noch. Die vermeintlich frommen Ratschläge seiner Freunde verstärken seinen Schmerz und steigern den Druck durch das Leid ins Unermessliche. Reicht es denn nicht, dass er so hart getroffen ist? Müssen seine Freunde auch noch auf ihn einschlagen und ihn schuldig erklären für das, was ihm widerfahren ist?

Seine Freunde handeln aus ihrem Weltbild heraus und das heißt: Gott belohnt die Guten und bestraft die Bösen. Also muss sich der Mensch nur bemühen, gut und fromm zu sein, um auf Gottes Güte zu hoffen. Deshalb muss aus ihrer Weltsicht heraus Hiob irgendetwas Böses getan haben, wenn es ihn nun so schwer erwischt hat. Dementsprechend drängen sie Hiob, er möge sein Leben hinterfragen und vor Gott Buße für seinen Lebenswandel tun.

Doch Hiob hat seinem Gott nie abgeschworen. Vielmehr: er klammerte sich im Glauben und Gebet an Gott, lies ihn nicht los, obwohl ihm Gott inzwischen wie ein Feind vorkam – wie krass können da die Ratschläge der Freunde verletzen? Und ich will Hiobs Verzweiflung mit dem Motto dieses Sonntags auf den Punkt bringen: Schaffe mir Recht, Gott!

Schaffe mir Recht! Gegen alle frommen Meinungen. Schaffe mir Recht und rehabilitiere mich vor meiner Familie und Freunden! Schaffe mir Recht, denn ich kann es selbst nicht. Schaffe mir Recht, bring mich zurecht, denn mein Leben ist aus der Bahn.

Es ist Hiobs verzweifelter Hilferuf und seine ungebrochene Hoffnung auf Erlösung, die mich an diesem Text tief berührt. Denn dieser hart geschlagene Mensch kommt zu dem Schluss, dass er doch keine andere Adresse kennt als seinen Gott. Auch niedergedrückt und gebeutelt hat er doch keine andere Anlaufstelle. Obwohl er sich Gott völlig ausgeliefert sieht, obwohl er schutzlos und allein mit seinem nackten Leben vor Gott liegt, ist dieser Gott doch der Einzige, der Heil und Erbarmen geben kann, auf das der Mensch völlig angewiesen ist.

Was also bleibt, wenn einem alles genommen wird? Hiob hält sich in seinem Leid an Gott fest. Er hält an ihm fest, obwohl er Gott nicht versteht. Er hält an ihm fest, in und trotz der unsäglichen Lebenserfahrung, die Trauer und Schmerz bedeutet. Hiobs Leid hört nicht auf, ist unmenschlich und grundlos. Aber dennoch hält er an Gott fest. Er lässt Gott nicht los und wird so auch nicht gottlos. Vielmehr wirft er sich mit seinen ganzen Schmerz und seiner Verzweiflung Gott vor die Füße. Er flüchtet er sich völlig in Gottes Hände. Wer anders als Gott kann denn helfen?

In einem tiefen Schrei nach einem Fürsprecher, Beistand und Anwalt bringt Hiob das Leid aller Kreatur zum Ausdruck.

Hiob glaubt Gott trotz aller Umstände auf seiner Seite. Er glaubt Gott als Hilfe, Erlösung und Ursprung der Gnade. Als Liebe, die den Menschen geschaffen hat. Gott hat nicht nur das erste Wort als Schöpfer über seinem Leben gesprochen. Gott wird auch das letzte Wort über seinem Leben sprechen. Das Wort als Löser, das Wort des Anwaltes. Gott wird über Hiobs Leben Recht sprechen und ihn so lösen und erlösen von allem Unrecht, das er jetzt erfahren muss. Und so bricht es aus Hiob heraus: 25 Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. 26 Nachdem meine Haut noch so zerschlagen ist, werde ich doch ohne mein Fleisch Gott sehen. 27 Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.

Entgegen aller Erfahrung, in der schlimmsten Not: DENNOCH! Dennoch glaube und habe ich diese Hoffnung in mir. Ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Ich weiß, dass ich Gott sehen werde. Dies ist mehr als ein Wunsch. Es ist eine tiefe Sehnsucht und ein Festhalten im Glauben. Auch wenn ich nicht verstehe, warum mir etwas widerfährt, so weiß ich mich doch getragen von diesem Gott, dieser Liebe und diesem Erlöser. Ich bleibe in meiner Existenz auf den Ursprung und Zielpunkt meines Lebens geworfen: auf Gott, meinen Schöpfer und Erlöser.

 

Liebe Gemeinde,

Im Buch Hiob wird nicht der Sinn des Leidens erklärt und Leiden wird nicht schön geredet. Auch lesen wir keine billige Vertröstung. Das Leid bleibt einfach stehen. Es wird nicht aufgelöst. Und ja: Leiden kann eine Zeit sein, in der sich der Mensch Gott nicht nahe fühlt, vielleicht sogar Gott als Feind wahrnehmen kann. Und doch finden wir in diesem Buch eine Hoffnungsspur.

Ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Dies ist ein Ausruf gegen die Letztgültigkeit des Leidens. Das Leid hat nicht das letzte Wort. Es gibt Hoffnung. Und diese Hoffnung trägt. Im Leid erkennt und bekennt Hiob, dass sein Erlöser lebt. Er, der Erlöser ist kein Hirngespinst, nein, er lebt! Und er wirkt im Verborgenen – entgegen allem Augenschein und aller Lebenserfahrung. Das Leiden wird ein Ende haben und Gerechtigkeit vor Gott wird entstehen.

Hiob hielt es für wahr, er glaubte und wusste glaubend, dass sein Erlöser lebt. Wir glauben und wissen das im Glauben auch. Und wir rufen unseren Erlöser mit dem Namen des Gottessohnes: Jesus Christus.

Er, Gott selbst, ist der Leidende.

Unsägliches, unmenschliches Leid nimmt Jesus Christus in seiner Passion auf sich und ist damit uns in unserem menschlichen Leiden ganz nah.

Er ist der Hohepriester, der für uns opfert und selbst zum Opfer wird. Am Kreuz von Golgatha hat er sich selbst für uns gegeben und ist uns zum Löser, zum Erlöser geworden. Er hat uns freigekauft, ausgelöst von der Macht der Sünde und des Todes.

So schafft Gott Recht, das ein für alle Mal gilt.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist,
als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere
Herzen und Sinne in Christus Jesus! Amen.

 

Segen