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27. Dezember

Reich beschenkt worden zu sein, ist etwas Schönes. Von zweien, die reich beschenkt wurden, ist im heutigen Evangelium für den Sonntag nach Weihnachten die Rede. Gottesdienst mit Pfarrer Michael Grell zum Ausklang des Weihnachtsfestes.

 

 

Predigt

Liebe Gemeinde,

ich bin in diesem Jahr reich beschenkt worden. So empfinde ich es jedenfalls. Viele Weihnachtsgrüße waren in diesem Jahr persönlicher gestaltet als sonst. Am schönsten ist es immer, wenn man gänzlich unerwartet Geschenke bekommt.

Geschichten und handgeschriebene Grußworte waren darunter. Darüber habe ich mich besonders gefreut. Das hat gut getan, weil auch ich in diesen so besonderen Tagen den Zuspruch brauche.

Diese kleine Geschichte von Fabian Vogt war auch dabei. Wünsche schrieb er als Kind auf den Wunschzettel ans Christkind. Die kleinen und die großen. In einem Jahr war der Opa gestorben. Die Oma hatte daraufhin ihr herzliches Lachen verloren. Der Junge hätte sie gerne wieder so lachen gehört, wie früher. Das schrieb er darum ans Christkind, legte seinen Wunschzettel draußen auf das Fensterbrett und eines Tages im Dezember war der dann nicht mehr dort, vom Christkind abgeholt.

Und wirklich, um Weihnachten herum, begann die Oma wieder zu lachen. Nicht gleich so herzlich wie früher, aber doch laut und vernehmlich. – Einige Jahre später, der Junge war längst erwachsen und studierte in der Ferne, da war die Oma schwach und krank geworden und wollte ihren Enkel noch einmal sehen. Als er zu ihr ans Bett trat, sagte sie: „Ich habe mich nie bei dir bedankt.“ Der junge Mann war verdutzt. „Für deinen Wunsch.“, sagte die Oma und grinste dazu schmerzverzerrt, aber fröhlich. „Er hat mir klar gemacht, wie wichtig mein Lachen ist, für mich. Und für Frechdachse wie dich.“ Der Wind hatte den Wunschzettel einst auf die Terrasse von Oma geweht und da sie neugierig war, hatte sie den Brief geöffnet. … der Wind hatte ihn zu ihr geweht … oder war es das Christkind?

Manchmal reichen ganz kleine Gesten, dass wir in unserem innersten berührt werden. In unserem heutigen Evangelium und Predigttext geht es auch um eine ganz ähnliche kleine Geste, in der jemand ein großes Geschenk empfängt.

Hört wie die Geschichte von der Geburt Jesu im Lukasevangelium im 2. Kapitel weitergeht.

Ein Mensch war in Jerusalem mit Namen Simeon: und dieser Mensch war gerecht und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels, und der Heilige Geist war auf ihm. Und ihm war vom Heiligen Geist geweissagt worden, er sollte den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen. Und er kam vom Geist geführt in den Tempel. 
Und als die Eltern das Kind Jesus in den Tempel brachten, um mit ihm zu tun, wie es Brauch ist nach dem Gesetz, da nahm er ihn auf seine Arme und lobte Gott und sprach:

Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren,
wie du gesagt hast;
denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen,
das Heil, das du bereitet hast vor allen Völkern,
ein Licht zur Erleuchtung der Heiden
und zum Preis deines Volkes Israel.

Und sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was von ihm gesagt wurde. Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass viele in Israel fallen und viele aufstehen, und ist bestimmt zu einem Zeichen, dem widersprochen wird – und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen -, damit aus vielen Herzen die Gedanken offenbar werden.

Und es war eine Prophetin Hanna, eine Tochter Phanuels, aus dem Stamm Asser. Sie war hochbetagt. Nach ihrer Jungfrauschaft hatte sie sieben Jahre mit ihrem Manne gelebt und war nun eine Witwe von vierundachtzig Jahren; die wich nicht vom Tempel und diente Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht. Die trat auch hinzu zu derselben Stunde und pries Gott und redete von ihm zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten.

 

Liebe Gemeinde,
diese Geschichte ist auch wie die eingangs erzählte eine Geschenkegeschichte. Auf dreifache Weise wird hier von dem einen Geschenk erzählt.

Am Lebensende haben Menschen, denen die Zeit noch gegeben ist, öfters das Bedürfnis noch einmal Personen zu sehen, die für sie in besonderer Weise wichtig im Leben waren. Oft sind es die engsten Angehörigen. Manchmal gibt es auch noch etwas zu klären, was im Argen liegt. Manchmal wird eine Schuld ausgesprochen, die man anderen Menschen gegenüber empfindet. Da ist noch etwas ins Reine zu bringen, bevor man gehen kann. Manchmal ist´s nur so, dass es wichtig ist, dass der Sohn, die Tochter noch einmal da gewesen sind und man ihre Nähe gespürt hat. Und manchmal ist´s auch so, dass es noch etwas Schönes weiterzugeben gilt, eine Lebenserfahrung, wie das Glück einer kleinen Geste, die einem gut getan hat und an die man sich noch lange Zeit später dankbar erinnert.

Simeon und Hanna warteten auf etwas. Ihnen war noch nicht bestimmt, zu gehen. Von Simeon wird erzählt, dass der Geist ihn noch einmal in den Tempel gerufen hat. Manchmal zieht es uns an einen bestimmten Ort. Wir wissen im ersten Moment gar nicht, warum wir dorthin gegangen sind. Weil wir uns dort wohlfühlen, weil wir in einem Gotteshaus Gott näher sein können, das könnten unsere Motive sein. Aber wir müssen darum gar nicht bewusst wissen. Manchmal sind wir einfach da, wo wir hingehören. Zur rechten Zeit am rechten Ort, wie Simeon und Hanna im Tempel.

Maria und Josef kommen mit Jesus dorthin. Das steht so im Gesetz. Sie erfüllen lediglich ihre Pflicht. Aber genau damit schaffen sie – oder ist es der Geist Gottes? – die Möglichkeit für eine besondere Begegnung. Die Möglichkeit dieses besonderen Geschenkes für Hanna und Simeon wird eröffnet, weil da ein Raum ist, in denen Gott Menschen zusammenführt und sich ihnen selbst zeigt.

Schließlich kommt es zu einer nicht coronakonformen Geste. Der greise Simeon nimmt den Säugling auf den Arm. Er schließt ihn in sein Herz. Solch rührende Momente der Begegnung von alt und jung kennen wir auch aus unseren Familien. Das Alter spielt keine Rolle, wo Mensch und Mensch sich begegnen. Der eine scheidet aus der Welt, der andere ist gerade zur Welt gekommen. Ein solches Paar ist etwas Besonderes. Man ist nie zu alt, um noch etwas von anderen Menschen zu erhoffen und beschenkt zu werden. Man ist nicht zu alt, um mit dem Christus beschenkt neu anzufangen im Leben.

Diese schöne Geschichte ist wie die Geschichte aus unseren Tagen eine ganz und gar anrührende. Wo Menschen einander in Zuneigung am Sterbebett begegnen, da ist Vergebung, Versöhnung und Frieden möglich. Da wird der Friede spürbar, der mit diesem Kind Jesus Christus auf Erden angekommen ist. Ja, auf Erden schon wird er spürbar, so dass die, die bleiben im Guten miteinander ihren Weg gehen können. Das ist das erste Geschenk.

Wo Menschen auf wundersame Weise vom Geist Gottes zusammen an einen Ort geführt werden, wird ein Raum eröffnet, wo wir uns und unser gemeinsames Leben als Geschenk füreinander wahrnehmen können. Da wird die Liebe Gottes zu uns spürbar in unseren Nächsten, so wie sie Simeon und Hanna gespürt haben mit dem Gotteskind auf dem Arm. Das ist das zweite Geschenk, von dem in der Geschichte die Rede ist.

Wo Menschen sich öffnen für den Nächsten, da spielt das Alter keine Rolle. Die Jüngeren werden hier zu Türöffnern für die Älteren. Die Oma nimmt sich des Wunsches ihres Enkels an und erkennt, dass sie damit nicht nur jemand anderes glücklich macht, sondern auch selbst neue Lebensfreude erfahren darf. War es der Wind? Oder vielleicht doch das Christkind, das den Wunsch erfüllte? – Sie lobt wie Hanna Gott und dankt für dieses wunderbare Geschenk neuen Lebens, das sie im Alter trotz der Trauer um ihren Ehemann neu reich gemacht hat. Solche Lebenserfahrungen sind das dritte Geschenk, von dem Geschichte erzählt.

Dazu ist Gott in diese Welt gekommen. Er hat sich uns geschenkt in Jesus Christus auf vielfache Weise. Er schenkt sich immer wieder neu. Gänzlich unerwartet kann das geschehen, an Orten, von denen wir nicht vermutet haben, dass er da ist. In Menschen, denen wir wichtig sind, dürfen wir dieses Geschenk erfahren. Unser Leben kann immer wieder neu beginnen, egal wie alt wir sind. Wer so offen bleibt für den Christus, der darf sich reich beschenkt wissen.

Amen.

 

Segen

Geht hinaus in die neue Woche 
beschenkt mit dem göttlichen Kind
unter dem Segen unseres Herrn

Der Herr segne euch und behüte euch.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über euch
und sei euch gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf euch
und gebe euch Frieden.
Amen.